Vom Herbst in Gäln

Weiße Nebel wallen, Sinfonie aus Farben und Licht

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Ende August. Anfang September. Frühe Herbstboten. Nicht nur, dass man plötzlich spürt, dass die Tage wieder kürzer werden, die Frühe länger kühler und der Abendhauch kräftiger ist. Die ersten müden und bunten Blätter fallen von den Bäumen, auf den Getreidefeldern stehen nur noch Stoppeln. Nein, es sind wohl auch die dichten weißen Nebel, die nun öfter am Morgen wieder die Landschaft einhüllen und den  nahenden Herbst ankündigen. Die Zeit beginnt, in der die Natur ab und an ganz besondere Schauspiele bereit hält: Steigt man an einem milden Nebel-Morgen, noch vor Sonnenaufgang, vom Tal hinauf auf den Gerichtsberg, so erlebt man nicht nur, wie nach Sonnenaufgang ein verwirrendes Licht durch den feinen weißen Nebel dringt, sondern dieser sich auf der Bergeshöhe wie von Zauberhand nahezu unmerklich auflöst. Plötzlich steht man im gleißenden Licht der Sonne und gleichsam über dem Nebel, der noch immer über dem Tal liegt und das Dorf verhüllt. Man fühlt sich dann vielleicht wie der Wanderer über dem Nebelmeer im Gemälde des romantischen Malers Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) – staunend, bewundernd, ergriffen, erhoben. Ein Natur-Schauspiel, das manchmal so rasch nicht endet. Denn: Nun beginnt es aus den Tälern zu dampfen. Konturen mächtiger Bäume, der Dorfkirche, der Häuser, des Aussichtsturmes … scheinen in rasch dahin ziehenden und in sich wandelnden Figuren aus feinen, dünnen Nebelschwaden auf. Wer einen solchen Tagesbeginn in seiner Schönheit und Grandiosität je geschaut und beobachtet hat, weiß, dass die Welt nicht romantisiert werden muss, wie der frühromantische Dichter Novalis (1772 bis 1801) meinte, sondern sie ist romantisch – wir müssen es nur wahrnehmen.

Manchmal ist der Sommer in Gelenau kühl, windig, verregnet, was für die gemäßigte Klimazone, in der die Gemeinde liegt, beinahe als Regel gilt. Natürlich hofft man dann sehnsüchtig auf einen warmen, leuchtenden und bunten Herbst, der auch meistens Ende September, Anfang Oktober über das Land kommt. Zwar nur für eine kurze Zeit, fast nie länger als drei Wochen, dafür aber voll von Glanz und Pracht. Die Laub-Bäume verfärben sich – eine Sinfonie aus Farben und Licht, komponiert und instrumentiert durch die Natur in großer Besetzung. Die Baldachin- oder Deckennetz-Spinnen knüpfen und legen ihre feinen Gespinste – von den Menschen einst für Zauberwerk von Zwergen oder Elfen gehalten – auf Wiesen, Feldern und Sträuchern ab. Und: Die Tage sind weitsichtig, die klare Nacht gibt einen großen und tiefen Sternen-Himmel frei oder einen runden, hell leuchtenden Mond, der mit seinem weißen Licht die Landschaft verzaubert. Einen besonders pittoresken Anblick bietet – zu jeder Jahreszeit und von den unterschiedlichsten Standorten des Dorfes aus gesehen – die am Fuße des Gerichtsberges stehende und im Herbst in bunte Laubbäume eingehüllte Dorf-Kirche, erbaut 1580 bis 1581. Die Kirche hat über die Jahrhunderte hinweg ihre äußere Gestalt behalten – bis auf Turm und Sakristei. Auch im Inneren enthält sie viel Sehenswertes, künstlerisch Wertvolles, beispielsweise das Sandstein-Epitaphium (für Joachim I. von Schönberg), den Taufstein und die Kanzel – ebenfalls aus Sandstein. Geschaffen im 16. Jahrhundert vom Freiberger Künstler Andreas Lorentz (1530 ? bis 1588 ?). Sehenswert sind auch der Altar aus dem 18. Jahrhundert, hörenswert die Jehmlich-Orgel aus dem 20. Jahrhundert und die Kirchen-Glocken.

Wandert man an einem solch prachtvollen Herbst-Tag mit offenen Augen durch Gelenau, vielleicht an der Wilisch entlang, vielleicht über die Höhen, durch Wälder oder über abgeerntete Felder, dann ahnt man: Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, die schönsten Früchte ab von jedem Baum. O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält… (Friedrich Hebbel, 1813 bis 1863).

ÜBER DAS LANGE DORF GELENAU

Was war – Was ist

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Gelenau (Gäln), gelegen im romantischen Erzgebirge zwischen den Städten Chemnitz und Annaberg-Buchholz, ist ein Dorf mit einer langen spannenden Geschichte und einer pulsierenden Gegenwart. Die Historie reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Dichte dunkle Fichten- und Tannenwälder prägen damals diese unwirtliche Natur-Landschaft. Doch im Zuge der deutschen Ostexpansion (zirka 10. bis 13. Jahrhundert) dringen Siedler, vor allem aus dem Rhein-Main-Lahn-Gebiet und Thüringen, in dieses waldreiche Land ein und machen es durch Wald-Rodungen urbar – eine entscheidende Voraussetzung auch für die Entstehung des Dorfes Gelenau (geile, fruchtbare Aue), das 1273 urkundlich zum ersten Mal erwähnt wird. Der Ort schlängelt sich entlang eines Seitentales des kleinen, kaum 18 Kilometer langen Flusses Wilisch, der den langen, aus vielen Rieseln gespeisten Dorfbach aufnimmt. Gerichtsberg, Galgenberg und Kegelsberg sind die bedeutendsten Erhebungen des Ortes. Zumindest die Namen Gerichtsberg und Galgenberg lassen erahnen, was sich hier im Mittelalter möglicherweise ereignet hat. Heute genießt man von diesen Höhen aus romantische Ausblicke auf den Ort und seine pittoreske Umgebung.

Das Dorf erstreckt sich über eine Länge von zirka sechs Kilometern mit einem Höhenunterschied von 250 Metern. Deshalb spricht man häufig von Unter-Gelenau (370 Meter hoch) und Ober-Gelenau (620 Meter hoch). Gegenwärtig leben zirka 4 500 Menschen in dieser malerisch gelegenen Gemeinde, die zur Region Ober-Erzgebirge – von Gelenau bis Oberwiesenthal – gehört. Wirtschaftlich ist der Ort im Verlaufe seiner Geschichte vielfältig geprägt worden. Der Bogen spannt sich von der Landwirtschaft über das Handwerk und die Strumpfwirkerei bis hin zu Spinnereien und Strumpffabriken im Industrie-Zeitalter. Die industriell geprägte Landwirtschaft, das Handwerk sowie Dienstleistungsunternehmen dominieren heute das wirtschaftliche Geschehen. Zwei traditionsreiche Schulen gibt es im Dorf: die Pestalozzi-Grundschule und die Freie Schule Erzgebirgsblick, eine Ganztagsschule.

Kulturell bietet Gelenau seinen Bewohnern oder Besuchern vielfältige Kultur- und Sportmöglichkeiten. Dazu zählen beispielsweise ein attraktives Erlebnis-Schwimmbad, Sportplätze und –hallen, ein fast 30 Meter hoher Aussichtsturm, Wanderwege, ein Strumpf-Museum, eine öffentliche Bibliothek, ein Club-Kino und Wintersport-Möglichkeiten.

Eine besondere Sehenswürdigkeit des Ortes ist die evangelisch-lutherische Dorfkirche aus dem 16. Jahrhundert, die am Fuße des Gerichtsberges steht und weit sichtbar über dem Dorf thront.

Eingebettet ist das Dorf in eine zu jeder Jahreszeit malerische Erzgebirgslandschaft mit ihren Bergen und Tälern, ihren Wäldern, Wiesen und Feldern.

Weitsichten, Wanderungen, Wälder, Wiesen

Vom Sommer in Gäln

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Die Boten des Sommers haben auch in Gelenau ihre Gelb- und Ocker-Töne, die Farben des Reifens und der Reife, in die saftig grüne Landschaft hineingemalt. Es sind vor allem die wogenden, reifenden Getreidefelder, wie Weizen, Roggen und Gerste, die eindringlich darauf hinweisen und belegen, dass nun der Frühling vergangen ist und der Sommer das Zepter führt. Zwar werden die Tage nach der Sommer-Sonnen-Wende (21. Juni) nicht mehr länger, aber bis weit in den August hinein liegt bis kurz vor Mitternacht noch eine romantische Sommer-Helle über den bewaldeten Höhen des Kegelsberges. Nicht selten bringt der Sommer kühle, verregnete Tage, aber dann auch wieder eine schwüle Wärme mit kräftigen, reinigenden Gewittern über das Land. Nach solch einem Tages-Gewitter oder auch an einem lichten frühen Abend mit weitem Himmel sollte man (wieder einmal) hinauf auf die Gelenauer Höhen steigen. Belohnt wird ein Jeder durch beeindruckende Fernsichten: wie beispielsweise zu Pöhlberg (831 Meter hoch), Bärenstein (898 Meter hoch) und Fichtelberg (1215 Meter hoch) oder zur Krone des Erzgebirges, der berühmten Augustusburg mit ihren prägnanten Türmen – sie steht majestätisch auf dem 516 Meter hohen Schellenberg und ist 1568 bis 1572 als Jagdschloss des sächsischen Kurfürsten August (1526 bis 1586) erbaut.

Im Blick nicht weniger Menschen gehören Erzgebirge und dichte Fichtenwälder, trotz der großen Wald-Rodungen seit dem Mittelalter und einer anhaltenden Urbanisierung, ja noch immer zusammen. Das gilt augenscheinlich auch für unser Dorf, das wohltuend von Fichten- und Mischwäldern umgeben ist. Spaziergänger und Wanderer wissen dies im Sommer wegen der Frische, der Kühle, die hier auch an warmen oder heißen Sommertagen herrscht, besonders zu schätzen. Auch die vielen kleinen Wäldchen um das Dorf, die immer wieder rasch durch Felder und Wiesen unterbrochen werden, sind für den Wanderer besonders reizvoll. Eröffnen sich doch dadurch nicht selten überraschende Aussichten auf Gelenau, auf benachbarte Dörfer und Orte, auf die Silhouette des Erzgebirgskammes in der Ferne, auf eine einsam stehende mächtige Fichte oder uralte Eiche, auf grasende Kühe und Schafe oder auf eine faszinierende Wolkenlandschaft vor einem heraufziehenden Gewitter, vor dem der überraschte Wanderer vielleicht in der Hütte des Gelenauer Ornithologenvereins, de Vugelbud genannt, Schutz findet – sie steht auf festem Grund in einem Wäldchen im Norden von Gelenau, unweit des Kemtauer Felsens.

Zahlreiche, erlebnisreiche Fuß-Reisen können von Gelenau aus in die nahen Fernen unternommen werden. Vielleicht der Wilisch und dann der Zschopau stromabwärts folgend bis zum Schloss Wildeck in der Stadt Zschopau oder der Zschopau stromaufwärts entlang wandern bis zur Burg Scharfenstein, die auf einem Bergsporn hoch über der mal rauschend, mal ruhig dahin fließenden Zschopau thront – so wie dies einst der berühmte Dresdner Landschafts-Maler Ludwig Richter (1803 bis 1884) freudvoll unternommen haben soll.

Besonders reizvoll ist eine Fußreise, die von der Gelenauer Eisenstraße Richtung Westen durch den Abt-Wald führt, vorbei am berühmten Tischel, einst Jagd-Rastplatz des Abtes und der Mönche vom Benediktiner-Kloster Chemnitz, dem Ort Gornsdorf entgegen, wo der Wanderer, erstaunt und überrascht zugleich, mitten im Wald eine an Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) und den Dichter und Sänger des Erzgebirges, Anton Günther (1876 bis 1937) erinnernde, liebevoll gestaltete Natur-Gedenkstätte findet. Hier tafelnd und bechernd zu verweilen, dazu vielleicht ein Goethe-Gedicht aufsagend oder ein Lied von Anton Günther singend, krönt diese sommerliche Spazierreise.

VOM LANGEN LEBEN

… oder: alles hat Anfang und Ende …

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

WOHNUNGSGENOSSENSCHAFT IN GELENAU? Natürlich kenne ich die, meine Familie ist doch bereits in der vierten Generation hier Mitglied, antwortet die rüstige und freundliche Frau auf meine Frage. Die vierte Generation steht vor Ihnen, setzt sie gleichermaßen schmunzelnd wie ein wenig wehmütig hinzu, und erzählt mir dann, als könnte sie endlich darüber reden, nahezu eine spannende Gelenauer Familiensaga. Die habe ich zwar aufgeschrieben; sie ruht aber (noch) unveröffentlicht in meinem Schreibtisch. Diese Begegnung liegt nun inzwischen auch einige Jahre zurück. Sie kommt mir wieder anschaulich beim Schreiben dieses Textes in den Sinn …

Zeit der Weimarer Republik (1918 bis 1933). Das deutsche Kaiserreich ist Geschichte. Deutschlands Staatsform ist eine Republik, eine parlamentarische Demokratie. Es ist eine Zeit des grundlegenden gesellschaftlichen Umbruchs. Das belegt unter anderem auch die Fahrt aufnehmende, ja eine Blütezeit erlebende Genossenschaftsbewegung (vor allem Bau- und Wohnungsgenossenschaften) in Deutschland. So auch im Erzgebirge, so auch in unserem Dorf. Denn: Am 14. November 1923 gründen zirka 20 Personen die Wohnungsgenossenschaft Gelenau  – vor allem und nicht zuletzt wohl mit dem Ziel, den Mitgliedern Wohnraum, ja kostengünstigen Wohnraum zu beschaffen. Noch im selben Monat wird durch die Vorstandsmitglieder der Wohnungsgenossenschaft der Name Bau- und Spargenossenschaft eGmbH beim Amtsgericht Ehrenfriedersdorf zur Eintragung gebracht. (Der Name der Wohnungsgenossenschaft wandelt sich mehrmals im Laufe ihrer Geschichte.)

Erwartungsgemäß entwickelt sich die Genossenschaft rasant. Ihre umfangreiche Bautätigkeit von Wohnhäusern oder deren Übernahme belegen das augenscheinlich. In Zahlen ausgedrückt heißt das: 1933 zählt sie bereits 121 Mitglieder bei einem Bestand von 174 Wohnungen. Ganz sicher kein unwesentlicher Beitrag, die aus vielerlei Gründen bestehende Wohnungsnot zu lindern. Auch mit Blick auf bezahlbare Mieten für Familien mit niedrigem Einkommen, so dass deren Realeinkommen offensichtlich deutlich aufgebessert werden kann. (Was allerdings, dies sei hinzugefügt, wohl nur bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise Ende 1929 / Anfang 1930, die auch Wirtschaft und Menschen im Erzgebirge nicht verschont, Bestand hat.)

Oft unterwegs mit einer kleinen, sich für die Architektur in den Erzgebirgsdörfern und -städten interessierenden Gruppe, haben wir unter diesem Aspekt auch Gelenau mehrmals erkundet (siehe auch Amtsblatt Mai 2021, S. 16 f.) – die (einstigen) Industriebauten, die repräsentativen Gesellschaftsgebäude (wie Rathaus, Volkshaus, Pfarrhaus, Schulen) und die Wohnhäuser – auch die der ortsansässigen Wohnungsgenossenschaft, die in mehreren Straßen des Dorfes stehen (unter anderen Fritz-Reuter-Straße, Kemtauer Straße). Sehenswerter funktionaler, solider, schnörkelloser Hausbau, durchaus typisch für ein Industriedorf, so bringt´s unser profunder Kenner der Architektur der Wohnungsbauten in den Erzgebirgs-Orten auf den Punkt. Als ein besonderes architektonisches Kleinod des Wohnungsbaus wird allerdings die kompakte Wohnanlage von dreizehn stattlichen Siedlungshäusern mit Grünanlagen bestaunt, ja regelrecht euphorisch bewundert, gebaut von der Wohnungsgenossenschaft in den 1930er Jahren – am Fuße des bewaldeten Kegelsberges, an der heutigen Karl-Marx-Straße gelegen. Was für eine symmetrische, feingliedrige, harmonische und einheitliche Architektur der Wohnhäuser, ein architektonisches, funktional-ästhetisches Gesamtkonzept erkennend – mit ihren verzierten, gleichmäßig gereihten Fenstern, dem hochgezogenen Giebel, dem Barock nachempfundenen Mansardwalmdach …, wahrlich eine Meisterleistung im ganzheitlichen Siedlungsbau mit sozialem Anspruch, so tönt begeistert der Chor der Architekturfreunde.

Die Geschichte der Wohnungsgenossenschaft Gelenau verläuft oft erfolgreich, oft dramatisch – in Abhängigkeit von den bekannten historischen Ereignissen. Ihre Erfolgsgeschichte setzt sich 1945 nach dem Ende der Naziherrschaft und des Zweiten Weltkrieges kontinuierlich fort. Vor allem durch eine rege Bautätigkeit, durch Instandsetzung und Modernisierung des vorhandenen Gebäudebestandes. Davon zeugen nicht zuletzt auch die fast 400 Mitlieder und der Bestand von 400 Wohnungen (Angaben der WG aus 2013).

Die Geschichte der Wohnungsgenossenschaft Gelenau endet im Juni 2016. Auf der Grundlage des Verschmelzungsvertrages vom Februar 2016 wird diese von der Wohnungsbaugenossenschaft Erzgebirge mit Sitz in Annaberg-Buchholz übernommen.

Bernd Bräuer, Gelenau

Gelenau um 1856

… ist überhaupt ein sehr armer Ort

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Wer möchte nicht wissen, wie in der langen Geschichte von Gelenau unsere Altvorderen gearbeitet und gelebt haben? Wie sah das Dorf über die Jahrhunderte aus? Wie hat es sich entwickelt, wie verändert? Durch die großen geschichtlichen Ereignisse im Lauf der Zeit, durch die hier lebenden und tätigen Menschen.

Für unser Dorf in der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt ein prägnanter Text dazu recht anschaulich Auskunft. Zu finden ist dieser im Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von 1856, der nachfolgend, leicht gekürzt, in Original-Schreibweise, wiedergegeben wird.

Gelenau, ein ¾ Meilen langer Flecken, reicht vom linken Wilzschufer bis zur Annaberg-Leipziger-Strasse hinauf … Ein Theil dieses Dorfes sammt dem sonst amtssässigen Rittergute stand ehedem unter dem Amte Wolkenstein; ein stärkerer von 5 Bauern, 12 Halbhüfnern, 10 Gärtnern, 43 Häuslern und einer Mühle mit 2 Gängen gehörte unmittelbar unter das frühere Amt Augustusburg, wiewohl es von demselben sehr entfernt liegt. Erst am 31. Oktober 1796, wo das Rittergut zu Gelenau die Schriftsässigkeit erlangte, kam es an das Amt Wolkenstein.
Jetzt gehört Gelenau mit Thum und Jahnsbach zum Gerichtsamt Ehrenfriedersdorf, zum Bezirksgericht Annaberg … Gelenau hat 331 bewohnte Gebäude, 969 Familienhaushaltungen und 4682 Einwohner.
Fast alle Einwohner des Dorfes nähren sich von Klöppeln weisser Spitzen. Die zahlreichen Maurer und Zimmerleute gehen im Frühjahre meist in die Ferne, besonders nach Berlin, im Winter kehren sie heim und helfen klöppeln. Ausserdem wird hier viel Flachs erbaut und bedeutend ist hier der Korn- Bretter- und Butterhandel.
Unter den bewohnten Gebäuden befindet sich hier ein Lehn-Gut, 2 Gasthöfe, viele Schenken, 5 Mühlen, mehrere Sägen, Zeuch-, Garten- und Zwirnbleichen, 1 Unterförsterei.
Das gethürmte hiesige Schloss (Rittergut, Anm. d. Red.) ist von alter Bauart und die Entstehung desselben in die graue Vorzeit zu versetzen.
Herzog Albrecht der Beherzte (1443 bis 1500, Anm. d. Red.) verkaufte es 1499 mit allen Rechten nebst Thum an seinen Rath Heinrich von Schönberg, dem Älteren zu Stollberg, dessen Nachkommen bis auf die neuesten Zeiten im Besitze derselben geblieben sind. Der jetzige Besitzer ist Herr Aug. Casp. Ferd. von Schönberg auf Thammenhain, Gelenauer und Purschensteiner Linie …
Als Parochie bestand Gelenau vor und über 100 Jahre nach der Reformation aus dem Kirchendorfe selbst, dem Filial Weissbach mit dem oberen Theile von Dittersbach. Im Jahre 1673 ward aber Weissbach eine besondere Parochie und erhielt 1680 das Filial Dittersdorf …
Die Kirche, deren Erbauungszeit nicht zu ermitteln ist, wurde 1580 verlängert und verschönert … Der Thurm ist ausgebaut. Im Jahre 1666 wurde derselbe vom Blitz getroffen, wodurch eine Reparatur sich nöthig machte. Im Jahre 1763 musste man statt der verfaulten Säulen an der Nordseite neue einsetzen, und bei diesem Baue mag der Thurm seine jetzige schiefe nach der Pfarrwohnung sich neigende Richtung erhalten haben.
Im Innern der Kirche befindet sich ein schönes steinernes Epitaphium, das dem gedachten Joachim von Schönberg von seinen Söhnen errichtet worden ist … Hans Dietrich von Schönberg beschenkte im 18. Jahrhundert die Kirche mit einer neuen Orgel, einem Altar und Beichtstuhl in prächtiger Bildhauerarbeit. …
Die Schicksale Gelenaus betreffend, hat der Ort im 30 jährigen Kriege (1618 bis 1648, Anm. d. Red.) viele Drangsale aushalten müssen, so wie die Notjahre von 1816 (das Jahr ohne Sommer, Anm. d. Red.)  und 1817 ihre Opfer forderten. Gelenau ist überhaupt ein sehr armer Ort und nur die erzgebirgische Genügsamkeit ist vermögend, gegen solche Noth und Ausdauer anzukämpfen.
Rühmend muss es aber auch anerkannt werden, dass die Gerichtsherren von Schönberg zu jeder Zeit darauf bedacht waren, Noth und Elend zu mildern und Hülfe zu schaffen …

Leicht gekürzt aus: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen, Hrsg., Gustav Adolf Poenicke, IV: Erzgebirgischer Kreis, Leipzig 1856, S. 116 f.

Von FACHWERK- und SCHIEFER-HÄUSERN und einem RITTERGUT

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Zu Beginn der Besiedelung des Erzgebirges, die mit umfänglichen Wald-Rodungen einhergeht, bauen die Menschen ihre Unterkünfte, ihre Häuser, Ställe und Scheunen, ihre Kapellen und Kirchenkomplett aus Holz. Wahrscheinlich im 12. und 13. Jahrhundert kommt die Fachwerk-Bauweise, die durch ein tragendes Holzgerüst (Tannen-, Fichten-, Eichenholz) und durch einen Holz-Lehm-Verbund oder durch Ziegelsteine ausgefüllte Zwischenräume charakterisiert ist, ins Erzgebirge – mitgebracht offensichtlich von den Siedlern und Einwanderern aus Thüringen und Franken. Es ist nicht verwunderlich, dass sich im holzreichen Erzgebirge diese im Vergleich zum reinen Holzhaus stabilere Bauweise rasch verbreitet hat – meistens aber mit weniger Holz-Schmuckelementen als in anderen deutschen Regionen, wie beispielsweise im Harz oder in der Oberlausitz. Dafür gibt es sicher viele Gründe. Die durch den intensiven Bergbau im Erzgebirge und das Hüttenwesen wohl bereits im 16. Jahrhundert einsetzende Holzknappheit, die einen sparsamen Einsatz dieses Materialsim Häuserbau erzwingt, gehört bestimmt dazu. Belegt unter andern durch kurfürstliche Verfügungen, dass Holz für ganze Häuser nicht mehr verwendet werden darf und Steine, zumindest für ein Geschoss, genutzt werden müssen. Der vorherrschende Stein-Häuserbau geht natürlich auch im Erzgebirge einher mit der zu Beginn des 19. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung des Wirtschaftslebens.

Die Fachwerkhäuser im Erzgebirge haben überwiegend einen massiven, steinernen Unterstock und einen Fachwerk-Überstock mit grauen Schieferdächern.

Ansehnliche und für das Erzgebirge typische Fachwerkhäuser sind auch in Gelenau zu finden und zu bestaunen – sei es auf einem Spaziergang entlang der langen Hauptstraße des Dorfes oder auf den davon abzweigenden Nebenstraßen und Wegen. Umläuft man Gelenau auf dem Höhenweg, dann kommt man im Süden an einem prachtvollen, alleinstehenden und von hohen Laub-Bäumen und Fichten eingerahmten Fachwerkhaus vorbei – ein Sinnbild der Harmonie von Natur und Baukunst, ein romantischer Anblick zu allen Jahreszeiten. Auf diesen Wanderungen fallen dem aufmerksamen Beobachter natürlich die für das Erzgebirge und für Gelenau typischen sowie imposanten schieferverkleideten Steinhäuser auf; und sicher auch, wie Fachwerk-Bauweise und Schieferverkleidung sich kunstvoll und spielerisch in einem Bauwerk vereinen können. Für Geschichte und Gegenwart des Dorfes ist der prachtvolle Bau des einstige Rittergutes, der seit 1907 Rathaus des Ortes ist, von besonderer Bedeutung: Er ist letztendlich der erhaltene steinerne Zeuge der bald 750 Jahre bestehenden, urkundlich verbrieften Existenz von Gelenau – wohl wissend, dass die Geschichte des Dorfes und auch des Rittergutes allerdings bereits im 12. Jahrhundert beginnt.

Als im Zeitraum von 1854 bis 1856 das Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen in fünf Bänden entsteht und von Gustav Adolf Poenicke bearbeitet und herausgegeben wird, ist im Erzgebirgischen Kreis auch das Rittergut Gelenau dabei, hier zeigend als Tonlithographie. Es ist nicht einfach nur als ein wirklichkeitsgetreues, mächtiges Bauwerk, sondern als eine anmutige, idyllische Vedute mit Hofwall, Hofteich und einigen tätigen Menschen dargestellt, die auf die wirtschaftlichen Potenzen des Rittergutes verweisen.

Das verdienstvolle, wohl kunstfreudige und -fördernde sächsische Adelsgeschlecht derer von Schönberg besitzt von 1533 bis 1907 das Rittergut in Gelenau und nicht nur das. Aber dies ist bereits eine andere lohnende Geschichte …

Wer kennt sie schon

die Wilisch in Gäln?

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Wohl kaum der Rede wert, die Wilisch in Gäln – ab und an kann man das auch von Ortsansässigen hören. Das scheint auch auf dem ersten Blick so zu stimmen. Fließt dieser Fluss doch unscheinbar nur auf einer kurzen Strecke durch Unter-Gelenau. Kein Flößer, kein Schiff, kein Schwimmer wurden je hier gesehen. Trotzdem gehört die Wilisch als Wahrzeichen zu unserem Dorf. Zahlreich sind die Gründe dafür. Drei davon seien angedeutet. Da ist zum einen der geschichtliche Bezug. Von Anbeginn jeder menschlichen Zivilisation haben die Menschen meistens dort gesiedelt, wo es Wasser in Gestalt von Bächen und Flüssen gibt. Zuallererst aus lebensnotwendigen, lebenssichernden Gründen.  Deshalb verwundert es nicht, dass entlang der Wilisch Menschen im Zuge der deutschen Ostexpansion (zirka 10. bis 13. Jahrhundert) das waldreiche, unwirtliche Land roden, sesshaft werden und so Hufen-Dörfer entstehen, die heute auf eine lange Geschichte zurückschauen. So eben auch Gelenau, das sich in einem Seitental der Wilisch entlang schlängelt. Mit seinem Dorfbach, seinem Mittel-Gebirgsbach, der sich aus Quellen und Rieseln der unmittelbaren Umgebung speist und bei starkem, anhaltendem Regen oder bei rascher Schneeschmelze durchaus bedrohlich ansteigen kann. So 1882 durch einen Wolkenbruch. Straßen und Wege sind sofort überflutet. Häuser werden beschädigt. Menschen kommen in den Fluten zu Tode – ein Denkmal im Dorf erinnert daran. Solche Gefahren gehen heute wohl vom Gelenauer Dorfbach, vor allem wegen der getroffenen Hochwasser-Schutzmaßnahmen, nicht mehr aus. Doch schwere Gewitter, sintflutartiger Regen, Wolkenbrüche sind nie auszuschließen und können selbst einen Dorfbach rasch in ein reißendes Gewässer verwandeln. So geschehen im Juli 2009. Der Bach mäandert durch den langen Ort und fließt in Unter-Gelenau in die Wilisch hinein.

Zum anderen ist die Wilisch einst ein Wirtschaftsfaktor ersten Ranges gewesen. Die Wasserkraft nutzend haben am Fluss prachtvolle Mühlen gestanden und gearbeitet, um die sich übrigens nicht wenige spannende, mündlich überlieferte Legenden ranken. Spuren von Kalköfen belegen, dass in Flussnähe einst Kalkstein gewonnen und gebrannt worden ist. Vor allem im Zuge der Industriealisierung vom 19. zum 20. Jahrhundert entstehen an der Wilisch große Fabriken der Textil- und Papierbranche – nicht zuletzt zeugt davon der mächtige Industriebau der einstigen Baumwollspinnerei (1906 erbaut) an der Wilisch in Gelenau.

Heutzutage haben sich die Wege entlang der Wilisch herausgeputzt für Wanderer und Radfahrer – vor allem dort, wo einst die Schmalspurbahn (1886 bis 1972) unmittelbar am Fluss entlang schnaufend fuhr und nützliche Dienste verrichtete. Eine Spazierreise an der Wilisch entlang, zu Fuß oder per Rad, ist zu jeder Jahreszeit ein beeindruckendes Natur-Erlebnis durch eine malerische und abwechslungsreiche Flusslandschaft, die in Harmonie mit schmalen und manchmal weiten Tälern, steil aufsteigenden Höhen und felsigen, bewaldeten Bergen steht. Der Fluss, kaum dass er an den letzten Häusern von Gelenau vorbei geflossen ist, erreicht hier sein weitestes Tal mit einer breiten und idyllischen Auen-Landschaft. Verweilt man hier, schaut zurück in Richtung Gelenau, eröffnet sich ein pittoresker Weitblick über die einstige Baumwollspinnerei hinweg bis zum Gerichtsberg, dem höchsten Berg des Dorfes. Und für all jene unter uns, die an Kulturgeschichte interessiert sind, ist ein Wandern und Spazieren entlang der Wilisch noch immer auch eine spannende und lehrreiche Entdeckungsreise in das Leben und Tun der Menschen an der Wilisch, in ihre Geschichte und Kultur – einst und jetzt.

 

Über die Wilisch

Die Wilisch entspringt im Greifensteingebiet, oberhalb des Ortes Ehrenfriedersdorf; sie ist weder breit noch tief. Sie vereinigt sich mit dem Jahnsbach vor dem Ort Herold und windet sich in zahlreichen Bögen durch sehenswerte Erzgebirgsorte, wie Herold und Gelenau. Sie  durchfließt reizvolle kleine und größere Steinbogenbrücken. Neben Fichten stehen und wachsen an der Wilisch hohe alte Laubbäume – vor allem Buchen, Eichen, Birken, Linden und Ahorn. Vom Quellgebiet bis zur Mündung beträgt das Längsgefälle des Flusses zirka 310 Meter. Nach knapp 18 Kilometern mündet die Wilisch, mal plätschernd, mal brausend, in die Zschopau bei Wilischthal.

Dänische Partnergemeinde von Gelenau seit 1995

Romantisches Skørping

(Rebild Kommune)

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Skørping. Gelenau. Seit 25 Jahre verbindet die beiden Gemeinden eine enge Partnerschaft (siehe dazu Amtsblatt Gelenau, Februar 2021, S. 28 f.).

Die dänische Partnergemeinde des Dorfes liegt in einer malerischen Natur- und Kulturlandschaft in Nord-Jütland – unweit der prachtvollen alten Stadt Aalborg am Limfjord, im größten natürlichen und zusammenhängenden Waldgebiet Dänemarks, Rold Skov genannt, das sich über mehr als 80 Quadratkilometer ausdehnt. Eine einzigartige Wald-, Heide- und Wasser-Landschaft mit reichem Tierleben gibt es hier zu erleben und zu bestaunen. Unter anderem reicht das von uralten krummen, aus vielen Stämmen bestehenden, mit Moos bewachsenen Rold-Buchen, die sich über Jahrhunderte den hier herrschenden sandigen Lebensbedingungen angepasst haben. Über die dicht bewaldete Hügellandschaft Rebild Bakker (Naturschutzpark) mit grasenden Schafen und enorm wasserreichen Quellen mit seltenen Pflanzen und Tieren bis hin zu großen Seen mit glasklarem Wasser. Nahe bei Skørping lädt der mitten im Wald gelegene reizende Gasthof Rold Storkro zum Rasten bei einem vorzüglichen Mahl ein. Der Gast kann hier auch vorzüglich übernachten.

In der dänischen Gemeinde leben knapp 3 000 Menschen; sie gehört zur Rebild Kommune, die sich aus vielen kleinen Orten zusammensetzt. Skørping ist verkehrstechnisch gut angebunden; auf der Bahnlinie zwischen den Städten Randers (im Süden) und Aalborg (im Norden) verkehren moderne S-Bahnen. Der Bahnhof befindet sich gleich am Ortseingang; gegenüber steht das Kultur- und Touristikzentrum des Ortes. Direkt im kleinen Zentrum der Gemeinde befindet sich auch ein Hotel.

Ganz gleich aus welcher Richtung man sich Skørping nähert: Die auf einem Hügel stehende hohe weiße Kirche mit dem roten Dach ist nicht zu übersehen – ein spätromanischer Ziegelsteinbau, der über die Jahrhunderte viele bauliche Änderungen erfahren hat. Im Kirchen-Innenraum, klein und schlicht ausgestattet, in den Farben weiß und blau gehalten, dominiert eine kunstvoll in den Raum eingefügte, vom Boden bis zur Decke reichende Orgel. Ihrem warmen und mächtigen Klang zu lauschen, ist ein großartiges Erlebnis, ein Vergnügen.

Von besonderem Reiz, dies sei noch erwähnt, zeigt sich Gammel Skørping (Alt-Skørping) mit seinen alten und niedrigen Fachwerk-Häusern und der kleinen, aus dem 12. Jahrhundert stammenden Wallfahrtskirche.

Nun ja, da kann man nur sagen: Auf nach Nord-Jütland, nach Skørping! … wenn Reisen auch nach Dänemark wieder möglich sein werden …

Kennen Sie diesen Gälner?

Rolf Schubert

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Möglicherweise, ja. Sie könnten ihn in unserem Erzgebirgs-Dorf getroffen und mit ihm geplaudert haben. Oder Sie sind in seinem Haus gewesen oder zumindest daran vorbeigegangen, dort, wo er einst wohnte und lebte und wo er auch als reifer Mann immer wieder zu Gast war. Falls nicht, dann sind Sie vielleicht, so Sie sich für Malerei, vor allem für Landschaftsmalerei, und für Kunstgeschichte interessieren, seinem künstlerischen Schaffen begegnet. Denn: Rolf Schubert, geboren 1932 in Gelenau und hier aufgewachsen, kann wohl zu den bedeutendsten deutschen (Landschafts-) Malern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden.

Seine Liebe zur Malerei und sein Maltalent hat der angehende Künstler offensichtlich früh erkannt; angeregt und befördert sicher durch seinen Vater, dem Malermeister. Nach einer soliden Ausbildung zum Dekorationsmaler ab 1947 kommt Schuberts Werden zum exzellenten Kunstmaler rasch voran. Vor allem durch sein Studium ab 1950 an der Fachschule für Angewandte Kunst in Leipzig, ab 1953 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und als Meisterschüler bei Otto Nagel an der Akademie der Künste in Berlin. Seinem verehrten Lehrer Otto Nagel hat Rolf Schubert übrigens durch dessen Porträt, ein Gemälde in Öl, ein sehenswertes Denkmal geschaffen, das sich im Besitz der Nationalgalerie in Berlin befindet.

Obwohl Rolf Schuberts Lebensmittelpunkt Berlin ist, Studien-Reisen ihn durch Europa, vor allem nach Italien führen, er die Sommer seit Anfang der 1970er Jahre oft auf Hiddensee und Rügen zum Malen verbringt, kehrt er doch immer wieder in sein geliebtes Erzgebirge, auch nach Gelenau, zurück. Zum Malen. Offensichtlich mit Vorliebe im Winter. Seine vielfältigen, in seinem Schaffen einen besonderen Platz einnehmenden Landschaftsbilder, die das Erzgebirge im Winter zeigen, belegen das augenscheinlich. So auch das kleine Öl-Gemälde Winteridyll im Erzgebirge, das er 1983, durchaus unter Verwendung von Motiven aus der Gelenau umhüllenden Landschaft im Winter, vollendet hat. Beim Anschauen des Gemäldes fällt der Blick wohl zuerst auf den hohen Winter-Himmel und auf die sich über die gesamte Bildbreite ausdehnenden bewaldeten blauen Berge in der Ferne, wodurch das Bild gleichsam Tiefe und Weite erhält. Idyllisch eingebettet in verschneite Wiesen und Felder sind die kleinen, ja geduckten Wohnhäuschen, die durch die drei hohen Pappeln zwar noch winziger, aber auch behüteter wirken. Das alles strahlt Stille, Ruhe, Friedfertigkeit aus. Der Mensch ist Teil der Landschaft, er lebt in ihr, mit ihr. Schubert gelingt mit diesem Bild ein ganz subjektiver, schlichter, unspektakulärer und gleichsam romantischer, ja soll man sagen im besten Sinne vor-moderner Blick nicht nur auf die Erzgebirgslandschaft im Winter, sondern auch auf die Menschen, die hier wohnen und leben.

Rolf Schubert stirbt 2013 in Hohen Neuendorf, unweit von Berlin. Seine Werke sind weit verstreut: in Museen, Galerien und Privatbesitz. Bedeutendes auch im Schloss Schlettau in der Sammlung Erzgebirgische Landschaftskunst, die der Künstler umfassend bereichert und unterstützt hat.

Vielleicht gelingt es ja zu 750 Jahre Gelenau eine Rolf-Schubert-Ausstellung, zumindest mit seinen Erzgebirgslandschaften, auf die Beine zu stellen. Ihm und uns tät´s gut!

BERGAUF, BERGAB – AUF SKIERN, MIT DEM SCHLITTEN, ZU FUSS

Vom Winter in Gäln

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Winter in Gäln. Über das Dorf kommen, nicht selten, über Nacht vom Osten her klirrende Kälte, starker Wind und viel, viel  Schnee. In der Frühe sind die Wege verschneit und verweht. Die Dächer der Häuser tragen weiße Hauben. Hoch liegt der Schnee vor den Haustüren. Schneewehen türmen sich auf Feldern und Wiesen. Aus den Wäldern sind über Nacht herrliche Märchenlandschaften geworden… Staunend schauen dann Jung und Alt auf Verwandlung und Verzauberung des Ortes durch die Ankunft des Winters. Dicke Mäntel, Pullover, Handschuhe, Schals, gefütterte Stiefel – die Winterkleidung liegt schon lange bereit und wird angezogen. Vergnügt und laut stapfen Kinder auf ihrem Weg zur Schule durch den hohen Schnee. Mütter oder Väter ziehen auf Schlitten ihre Jüngsten zum Kindergarten. Berufstätige bahnen sich den Weg zu ihren verschneiten Autos. Nicht nur rüstige Pensionäre beginnen schon am Morgen eifrig Schnee zu schippen. Natürlich hat der große Schneepflug schon in aller Herrgottsfrühe die wichtigsten Straßen des Dorfes vom Schnee befreit…

Das Leben mit Schnee, Eis und Kälte hat begonnen. So oder so ähnlich. Schnell wird das Winter-leben zum ganz normalen Alltag, denn raue, kalte und schneereiche Winter gehören zum Erzgebirge, auch zu Gelenau – und nicht nur auf die Kammlagen über 1 000 Meter Höhe. Besonders freudig wird die Ankunft des Winters natürlich bei den kleinen und großen Winter-Sportlern begrüßt: bei den Langläufern auf Skiern, bei den Abfahrtsläufern, bei den Rodlern, aber auch bei den heiteren Wanderern durch die verschneite Landschaft. Vielleicht geht es hinauf auf die Höhenwege, beispielsweise die Eisenstraße, auf denen man Gelenau fast durchgängig umwandern und dabei reizvolle Ausblicke auf Landschaft und Ort im weißen Schmuck genießen kann. Für die Abfahrtsläufer gibt es am Gerichtsberg einen zwar kurzen, aber steilen Skihang mit Schlepplift. Auf dessen Höhe angekommen, eröffnet sich ein malerischer Blick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Kegelsberg. Tief durchatmend bestaunt man dieses Winter-Panorama und rauscht –

nach Augenblicken des Verweilens – mit frischem Mut und Schwung den schneebedeckten Steil-Hang erneut hinunter …