Der BILDHAUER und der DICHTER

Über eine dänische Künstlerfreundschaft

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Unterwegs in Dänemark: Das Land, das historisch durch eine reiche, wechselvolle, ja oft dramatische Gesellschafts-Geschichte geprägt ist –  auch mit Blick auf Deutschland. Heute: In Zusammenarbeit und Verbindung mit Deutschland, was letztendlich auch belegt ist durch die Partnerschaft Gelenaus mit Skørping, Rebild-Kommune, Nordjütland.

Das inspiriert, nicht nur das Alltagsleben, sondern auch das Kultur- und Kunstleben der Dänen wahrzunehmen. Ein langfristiges, noch nicht abgeschlossenes Projekt ist dadurch angeregt, entstanden und gereift: Werk und Leben der Weltruhm erlangten dänischen Künstler, Bertel Thorvaldsen (Bildhauer) und Hans Christian Andersen (Dichter), verbunden durch eine vom gegenseitigen Wohlwollen geprägten Künstlerfreundschaft, zu erkunden; Orte und Landschaften ihres Wirkens aufzusuchen; auch Museen in Dänemark, die deren Werke besitzen und präsentieren.

Bertel Thorvaldsen (1770 bis 1844). Kopenhagen. Rom. Mitten im Herzen der dänischen Hauptstadt, neben dem mächtigen Schloss Christiansborg, steht das für das umfangreiche, vielschichtige Werk des Bildhauers 1848 fertig gestellte Thorvaldsen-Museum – ein imposanter, farbenprächtiger und lichtdurchfluteter Museumsbau. Was für ein großartiges bildhauerisches Werk in Marmor und Gips wird hier präsentiert! Die Reliefs, die Statuen Jason, Ganymed, Apollo, Bacchus, Amor, Herkules …, um nur einige zu nennen.

Das Talent Thorvaldsens wird von seinem Vater früh erkannt, so dass er bereits 1781, elfjährig, die Freischule der Königlich Dänischen Kunstakademie besucht. Seine künstlerische Entwicklung vollzieht sich rasant; zahlreiche Auszeichnungen in jungen Jahren belegen das. Ein dreijähriges Stipendium führt ihn 1797 nach Rom; er bleibt bis 1838 – meisterliche Kunstwerke schaffend, für die Mächtigen seiner Zeit. Der Bildhauer kehrt 1838, weltberühmt und hoch Willkommen geheißen (auch durch ein Gedicht von Andersen), nach Kopenhagen zurück, wo er in seiner künstlerischen Tätigkeit nicht erlahmt. Im März 1844 stirbt Thorvaldsen, im Theater der Stadt, vor den Augen des respektvoll ergriffenen Publikums. Im Innenhof des Thorvaldsen-Museums befindet sich das schlichte Grab des Bildhauers.

Wer in Kopenhagen weilt, sollte unbedingt die von Thorvaldsen klassizistisch ausgestaltete Frauenkirche besichtigen, die in dessen Schaffen einen besonderen Platz einnimmt. Der Kirchen-Innenraum in Weiß, überwältigend die überlebensgroßen Statuen des segnenden Christus, des knienden Tauf-Engels und der zwölf Apostel.

Hans Christian Andersen (1805 bis 1875). Odense. Kopenhagen. Weimar. Dresden. Rom … Wer kennt sie nicht, die weltberühmten Märchen des Dänen-Dichters! Das Feuerzeug. Die Prinzessin auf der Erbse. Die kleine Seejungfrau. Des Kaisers neue Kleider. Die Schneekönigin u.v.a. Andersens literarisches Gesamtwerk ist allerdings viel umfassender. Dazu gehören seine meisterhaft geschriebenen Reisebücher, die von der unablässigen Reisetätigkeit des Dichters durch Dänemark und Europa künden. Seine erste Auslandsreise führt ihn 1831 nach Deutschland. Da lebt Goethe noch und es ist wohl Andersens innigster Wunsch, den hochbetagten Geheimrat Goethe und Weimar zu besuchen. Doch er verzichtet darauf; er befürchtet, als noch unbekannter Dichter, am Frauenplan nicht empfangen zu werden. 1844 ist es dann aber soweit: Goethe ist da zwar schon tot, aber Andersen weilt in Weimar. Er wird als großer Schriftsteller unter anderen von Goethes Enkel Walter empfangen; vom regierenden Großherzog und vom Erbgroßherzog. 1846, 1856 und 1857 (zur Einweihung des Goethe-Schiller-Denkmals) besucht er erneut die Dichterstadt. Dass Andersen die Städte Dresden, Meißen, Pirna, Eisleben, Leipzig besucht, im Harz und in der Sächsischen Schweiz weilt, sei noch erwähnt.

Andersen wird 1805 in Odense, Insel Fünen, in ärmlichen Verhältnissen geboren. Bereits als 14-Jähriger verlässt er seine Heimat, flieht regelrecht nach Kopenhagen, um Schauspieler zu werden. Doch seine Begabung ist das Schreiben. Seine erste größere Prosaarbeit Fußreise erscheint 1829, sein erster Gedichtband folgt 1830.

Besucht man die reizende Stadt Odense sollte man eine durch Schritte im Erdboden markierte Fußreise zu den Lebensorten des Dichters unternehmen; auch zum lehrreichen, unterhaltsamen und großartig gestalteten neuen Museum für den Dichter.

Und: Dass Andersen mit Thorvaldsen kurz vor dessen plötzlichen Tod noch tafelte, die Trauerzeremonie sowohl für den Bildhauer 1844 als auch für den Dichter 1875 in der von Thorvaldsen ausgestalteten Kopenhagener Frauenkirche stattfindet, gehört wohl zu den eigenartigsten Geschehnissen in dieser ereignisreichen Künstlerfreundschaft.

Bernd Bräuer, Gelenau

Mehr dazu:

Donath, Matthias, Rotgrüne Löwen. Die Familie von Schönberg in Sachsen. 2014.

Fraustadt, Albert, Geschichte des Geschlechtes von Schönberg meissnischen Stammes. 1878.

Vehse, Eduard, Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation. 1854.

DIE von SCHÖNBERGS

SPURENSUCHE IN SACHSEN

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Auf Spurensuche zur Adelsfamilie von Schönberg. Diese hat Geschichte und Entwicklung Sachsens, des Erzgebirges und Gelenaus auf vielfältige Weise beeinflusst und gestaltet. Mit Blick auf unser Dorf nahezu vier Jahrhunderte, von 1533 bis 1907 (Festschrift Gelenau, 1998, S. 4 ff.). Nicht zuletzt belegt der rot-grüne Löwe im Wappen von Gelenau augenscheinlich diesen Zusammenhang, ist dieser doch wesentlicher Bestandteil des Familien-Wappens derer von Schönberg, nachweisbar ab 1368.

Bereits Ende des 12. Jahrhunderts ist dieses Adelsgeschlecht in der Mark Meißen

ansässig; woher es kommt, ist (gegenwärtig) wohl nur durch Legenden zu beantworten. Sein Name bezieht sich auf den Ort Schönberg, später Roth-Schönberg, unweit von Nossen gelegen, der mit dem Herrenhaus, dem Schloss als der Stammsitz der Familie von Schönberg gilt. Die ältesten Geschlechtsmitglieder können für das frühe 13. Jahrhundert namhaft gemacht werden; sie sind Dienstmannen der Markgrafen beziehungsweise Burggrafen von Meißen (Matthias Donath).

Bereits Anfang des 14. Jahrhunderts gliedert sich die Familie von Schönberg in drei Stämme auf, benannt nach ihren frühesten Besitzungen – (Roth-)Schönberg, Purschenstein und Zschochau, die sich jeweils wiederum in Äste, Zweige, Linien etc.  differenzieren. Wie im geschichtlichen Verlauf sich dies als verschlungen erweist, zeigt sich, selbst nur andeutungsweise, in der Zugehörigkeit des Rittergutes Gelenau: So sind der Hauptast (Roth-)Schönberg, die Hauptzweige Stollberg und Sachsenburg, die Linien Pfaffroda und Gelenau-Thammenhain durch die Jahrhunderte bedeutsam.

Besonders im 15. und 16. Jahrhundert vergrößert sich der Besitz der weit verzweigten Adelsfamilie deutlich. So befinden sich beispielsweise Ende des 16. Jahrhunderts über 60 Rittergüter in ihrem Besitz – erklärbar nicht nur durch ihre effektive wirtschaftliche Nutzung der Rittergüter, ihre Einkünfte aus dem Dienst am (sächsischen) Hof, sondern vor allem durch ihre hohen Investitionen (Kuxe genannt) in den Bergbau im Erzgebirge (Schneeberg, Annaberg, Freiberg) und den daraus entspringenden hohen Gewinnen. Nicht wenige (Ober-)Berghauptmänner entstammen übrigens der Familie von Schönberg, auch deshalb als alte Bergwerks-Familie (Eduard Vehse) charakterisiert.

Bedeutendes haben die Familien-Mitglieder nicht nur in wirtschaftlichen, sondern auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen geleistet. Herrenhäuser, Burgen, Schlösser, Kirchen (wie die Dorfkirche in Gelenau) haben sie gebaut, umgebaut und künstlerisch ausgestaltet. Sie haben Äbte, Bischöfe und einen Kardinal, einen fast Papst (Nikolaus von Schönberg, 1472 bis 1537), Räte und Richter hervorgebracht. Gesandte, Minister, Gelehrte, Wissenschaftler und Schriftsteller (Hans Friedrich von Schönberg, 1543 bis 1614, Schildbürgerbuch) sind unter ihnen. Sie haben Bibliotheken aufgebaut und sich um die Bildung ihrer Untertanen gekümmert. Sie haben als Kunst-Mäzene gewirkt (so für den Maler Ferdinand von Rayski, 1806 bis 1890). Und: Sie haben sich als Adelsfamilie von Schönberg in Gestalt von schriftlich fixierten Geschlechtsordnungen, 1675, 1842, 1885 und nach 1945, wenn man so will, zeitgemäße Verfassungen gegeben …

Auf Schloss Nossen, einst Ritterburg, später kurfürstliches Jagdschloss, existiert zum Thema eine lehrreiche, sehenswerte und bestens präsentierte Dauerausstellung mit dem Titel: Spurensuche in Sachsen – Die Familie von Schönberg in acht Jahrhunderten. Unter den vielfältigen Ausstellungsstücken befinden sich unter anderem ausdrucksstarke Portraits von Mitgliedern der Adelsfamilie im zeitlichen Verlauf. Darunter ein Bildnis, das möglicherweise Caspar Rudolph von Schönberg darstellt, der im 17. Jahrhundert in Gelenau gewirkt haben soll. Wie dem auch sei: Auf jedem Fall ein imposantes, farbenprächtiges Portrait. Interessenten, die diese Ausstellung in Nossen besuchen, ist anschließend eine Erkundungsfahrt nach Roth-Schönberg, dem Stammsitz der Adelsfamilie, anzuraten. Das Schloss befindet sich zwar in einem bedauernswerten baulichen Zustand, aber man wird hier doch irgendwie vom Hauch der Geschichte dieses wohl bedeutendsten sächsischen Adelsgeschlechts berührt – hier, wo deren Geschichte beginnt …

Und Gelenau: Mit dem umtriebigen Adolf Freiherr von Schönberg, 1864 bis 1927, endet hier die Geschichte der Adelsfamilie von Schönberg – durch den Verkauf des Rittergutes in einzelnen Teilen im Zeitraum von 1898 bis 1904; die Anwartschaft auf Gelenau wird 1907 offiziell gelöscht.

Die Geschichte dieses sächsischen Adelsgeschlechts von Schönberg, dies sei noch hinzugefügt, endet nach Kriegsende 1945 durch Enteignung, Flucht und Vertreibung aus Sachsen …

Bernd Bräuer, Gelenau

Mehr dazu:

Donath, Matthias, Rotgrüne Löwen. Die Familie von Schönberg in Sachsen. 2014.

Fraustadt, Albert, Geschichte des Geschlechtes von Schönberg meissnischen Stammes. 1878.

Vehse, Eduard, Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation. 1854.

1816
Das Jahr ohne Sommer

Schicksalsjahr auch in GELENAU

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

1816. Die Menschen nicht nur im Erzgebirge, in Gelenau, hoffen auf ein gutes, ein frohes und vor allem wohl auf ein ertragreiches Erntejahr. Dies um so mehr, sind doch endlich die großen europäischen Kriege, die auch Deutschland seit 1792 erschüttern, im Jahre 1815 beendet – nicht zuletzt durch die Wiener Friedensverhandlungen, den Wiener Kongress von 1814 bis 1815 (Wiener Kongressakte und Deutsche Bundesakte von 1815). Goldene Zeiten scheinen endlich in Sicht zu sein! Doch nichts von all den großen menschlichen Hoffnungen und Erwartungen wird sich 1816 und in den darauffolgenden Jahren erfüllen … Wegen neuer, noch verheerenderer Kriege? Nein! Eine weltweite Klima-Katastrophe unermesslicher zerstörerischer Ausmaße für Natur und Mensch ist ausgebrochen …

1815. April. Gewaltiger, ja epochaler Vulkanausbruch des zirka 4200 Meter hohen Berges Tambora, gelegen auf der indonesischen Insel Sumbawa, der später als einer der gewaltigsten in der Menschheitsgeschichte eingestuft wird. Die damit einhergehenden Explosionen sind, laut Beleg durch Zeitzeugen, über Tausende von Kilometern weit zu hören. Die riesige Explosionswolke (Asche, Aerosole, Gase etc.) reicht bis in eine Höhe von 43, manche Quellen sprechen von 45 Kilometern. Begründete Schätzungen gehen davon aus, dass bei dieser Eruption zirka 150 Kubikkilometer vulkanisches Material ausgestoßen werden. Höhenwinde verteilen die Gas- und Schwebepartikel weltweit. Die Aerosole vermindern die Sonneneinstrahlung und führen rasch zu einer globalen Abkühlung (Wolfgang Behringer). Die Klima-Katastrophe nimmt ihren Lauf rund um den Erdball … Mit unterschiedlichen Wirkungen in den Regionen der Welt. Solide wissenschaftliche Untersuchungen belegen dies inzwischen anschaulich. Auch für Europa und Deutschland. In dem heutigen mitteldeutschen Raum mit Erzgebirge und Thüringen zeigen sich die ersten Auswirkungen möglicherweise bereits Ende des Jahres 1815 in einem für diese Mittelgebirge außerordentlich extrem kalten, langanhaltenden Winter mit Schneechaos, Stürmen, Gewittern.

Frühjahr und Sommer 1816 wollen nicht kommen: Kälte, Kühle, Regenstürme, Dauerregen, Überschwemmungen, Hagel, der Himmel meist grau verhangen, schwere Gewitter, Dunst- und Nebelschleier immer fort, selten ein klarer, warmer Sonnentag, frühe Fröste, früher Winter… Deshalb: Das Jahr ohne Sommer 1816. Kaum Reifung von Getreide, Kartoffeln und Obst. Mißernten. Kein Heu. Kaum oder keine Futtermittel für die Tiere. Kaum Saatgut. Krankheiten. Teuerungen. Hungersnot in unvorstellbarem Ausmaß, besonders im Erzgebirge; besonders auch im Dorf Gelenau. Und 1817: Das Hunger-Jahr. Und: 1818 bis 1820 turbulente Folgejahre.

Nicht nur im Erzgebirge suchen die Menschen sich diese folgenschweren Natur-Ereignisse, die sie in Angst und Schrecken versetzen, zu erklären. Nicht wenige halten es wohl für die Rache des zürnenden Gottes an der menschlichen Verderbtheit. Man wird gebetet und gefleht, aber auch den Propheten des angekündigten Weltuntergangs, der drohenden Apokalypse, Glauben geschenkt haben. Möglicherweise wird sich sogar die Botschaft vom bevorstehenden Weltuntergang am 18. Juli 1816 bis in die Dörfer des Erzgebirges verbreitet haben. Die tatsächliche Ursache für dieses zerstörerische Naturereignis mit den verheerenden sozialen Auswirkungen bleibt den Zeitgenossen verborgen. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird dieser Zusammenhang durch umfangreiche Forschungen hergestellt und bewiesen.

Bleibt abschließend zu erwähnen, dass die Klimakatastrophe vielfältige Wirkungen auf Literatur und Kunst bereits der Zeitgenossen hat; große Kunstwerke werden geschaffen. Für die Literatur stehen unter anderem Lord Byron (1788 bis 1824) mit seinem Gedicht Finsternis und Mary Shelleys (1797 bis 1851) Weltruhm erlangender Schauer-Roman Frankenstein; für die Malerei William Turner (1775-1851) und Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) unter anderem mit Frau vor der untergehenden Sonne – die Naturkatastrophe erzeugt diese eigenartig rötlich-orangenen, prachtvoll leuchtenden und geheimnisvollen Sonnenauf- und -untergänge, was der Künstler in seinem Gemälde, beruhend auf eigenen Anschauungen, großartig einfängt und der Nachwelt eindrucksvoll dokumentiert.

Bernd Bräuer, Gelenau

Mehr dazu:

Wolfgang Behringer, Tambora und das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte. 2016.

Ich hatte einen Traum, der keiner war.
Die Sonne war erloschen, und die Sterne,
verdunkelt, schweiften weglos durch den Raum,
kein Mond, die Erde schwang im Äther, blind
und eisig sich verfinsternd …

Aus: Finsternis, 1816, Lord Byron

Wochenende in GELENAU

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Impressionen. Unterwegs in Gelenau und Umgebung. Besichtigungen, Erkundungen. Für ein Wochenende mit interessierten Besuchern aus dem kleinen, flachen dänischen Ort Maarslet (zirka fünftausend Einwohner, befreundet mit Bürgern in Gelenaus Partnerstadt Skørping,), gelegen nahe Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks.

Freitag  

Unseren Tag beginnen wir im romantisch gelegenen, altehrwürdigen Waldhof (Gaststätte, Pension). Der gehört zwar zur Gemeinde Drebach, aber in gewisser Weise auch zu Gelenau. Er ist ein Kleinod durch Lage, Architektur, Ausgestaltung und Gastlichkeit. Einst hat auf diesem Grundstück ein Kalkwerk gestanden. Dies wird 1908 stillgelegt; das Gelände 1928 verkauft und der Waldhof errichtet. Von hier aus schlendern wir zur nahe gelegenen Wilisch, besichtigen eine der schönsten filigranen Steinbogenbrücken über dieses Flüsschen und blicken von der Auenlandschaft nach Gelenau mit der Baumwollspinnerei, in vergangenen Zeiten ein prächtiger Industriebau. Auf dem Geh- und Rad-Weg, einst die Fahrtrasse der Schmalspurbahn Wilischthal – Thum, wandern wir bis zu deren einstigen Bahnhof in Unter-Gelenau. Einem kurzen, sehr prägnanten Bericht über diese Schmalspurbahn, deren Anfang 1885 und letzte Fahrt im Mai 1972, deren Aufgaben, Arbeitsweise und Gestaltung, wird aufmerksam gelauscht, so Manches nachgefragt. Eine kleine Schautafel mit Text und Foto erinnert an dieses einzigartige historische Geschehen.

Wie sehr Gelenau ein Dorf im Erzgebirge ist, erleben die Dänen nun beim steilen Aufstieg zu Fuß vom Tal auf die Höhe im Norden des Dorfes – belohnt mit einer malerischen Weitsicht über Wälder, Wiesen und Felder bis zum Pöhlberg. Dort hin geht’s am frühen Abend zum Tafeln im Berggasthaus – nicht ohne vorher den Blick über die Bergstadt Annaberg-Buchholz schweifen zu lassen.

 Samstag

Ein unterhaltsamer, durchaus lehrreicher Spaziergang durch Gelenau ist unser Tages-Auftakt – der Dorfbach und die einstigen Mühlen, die er antrieb; das sehenswerte Rathaus und dessen Geschichte als früheres Rittergut; meisterhafte Schiefer- und Fachwerk-Häuser, das (rote) Volkshaus, die Entstehung des Dorfes und seine lange, wechselvolle Historie … Schon bald ist das Ziel, der Gelenauer Aussichtsturm, erreicht. Über zahlreiche Stufen geht’s hinauf auf das Plateau. Die Aussicht auf das Dorf und die nahe und weite Erzgebirgs-Landschaft mit dem Drei-Berges-Blick wird lange entzückt bestaunt. Herabgestiegen vom Turm erwartet uns ein Mahl im Freien. Sofort dreht sich das Gespräch um die Entstehung des Erzgebirges, seinen Bergbau, seine dunklen Fichten- und Tannenwälder, die Liebe, nicht nur der Erzgebirgler, zu Wald und Waldeinsamkeit – für nicht wenige Dichter und Künstler einst und jetzt eine reiche Inspiration.

Der Tag geht dahin mit einer ausgedehnten, vergnügten Wald-, Berg- und Tal-Wanderung; er endet mit einem literarisch-heiteren Abend über den bedeutendsten spätromantischen deutschen Dichter Joseph von Eichendorff (1788 bis 1857), den man auch den Sänger des Waldes, der Waldeinsamkeit nennt: O Täler weit, O Höhen, O schöner grüner Wald/ … und dem das Erzgebirge nicht unbekannt war.

Sonntag

Erich Weinert - Mitbegründer des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller 1928, discogs.com

Erich Weinert – Mitbegründer des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller 1928, discogs.com

Dorfkirche und die Besteigung des Gerichtsberges sind die Besichtigungs- und Wanderziele an diesem Tag. Entlang des Erich-Weinert-Weges, benannt nach dem deutschen Schriftsteller Erich Weinert (1890 bis 1953), der 1928 den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller mitbegründet. 1935 emigriert er aus Deutschland in die Sowjetunion und steigt 1943 in Moskau zum Präsidenten des Nationalkomitees Freies Deutschland auf. Weinert kehrt 1946 nach Deutschland, in die Sowjetische Besatzungszone zurück und ist hier für Kunst und Literatur zuständig. Zwar ist der Schriftsteller Weinert in Deutschland heute nahezu vergessen; lesenswert ist allerdings noch immer sein Erinnerungsbuch an Heinrich Vogeler, dem vielseitigen Künstler, dem Mitbegründer der berühmten Künstlerkolonie Worpswede.

Kaum sind wir an der majestätischen Dorfkirche aus dem 16. Jahrhundert angekommen, wird die kleine Gesellschaft, als wäre es verabredet, durch Glockengeläut begrüßt. Im Kircheninneren werden sogleich die künstlerischen Arbeiten von Andreas Lorentz, dem bedeutenden Freiberger Künstler (1530 bis 1583), besichtigt, als großartig begutachtet. Beim sich anschließenden Rundgang auf dem Kirchhof weckt ein Grabmal bei den dänischen Gästen besondere Aufmerksamkeit; wegen der Statue: Christus (auch Christus der Tröster), geschaffen vom weltberühmten dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770 bis 1844). Das Original aus Marmor steht in der Frauenkirche von Kopenhagen, Kopien davon sind weltweit verbreitet.

Zu Fuß steigen wir, bei sinkender Sonne, hoch zum Gerichtsberg, von wo aus sich ein pittoresker Blick auf Gelenau und seine reizvolle Kultur-Landschaft eröffnet. Und: In der Ferne, im rötlichen Abendlicht, leuchtet und grüßt wie zum Abschied die Augustusburg …

Bernd Bräuer, Gelenau

Über Goethes Reisen durch das Erzgebirge

Auch durch Gelenau in der Kutsche?

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Goethe. Was für ein Reisender! Was für ein Wanderer! Zu Fuß, zu Pferde, mit der Kutsche, mit dem Schlitten, auf dem Schiff! Von Frankfurt am Main nach Weimar 1775, auf Einladung des jungen Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Erfurt, in dessen Landauer. (Goethe bleibt bis März 1832.) Auf dem Pferd durch Thüringen, durch den Harz, allein oder in Begleitung. Die großen Reisen in der Kutsche. Schweiz, Frankreich, Italien … Zur Erfüllung seiner vielfältigen Ministerpflichten; zur Erkundung von Landschaften und Leuten; zum Schreiben und Dichten; zum Besuch von Berühmtheiten seiner Zeit; nicht zuletzt aus Liebe und zur Gesundung. Goethe hat vieles davon in seinen Tagebüchern und Briefen festgehalten, in seinen Werken, wie beispielsweise Harzreise im Winter oder Italienische Reise, dichterisch verarbeitet und gestaltet. Nachfolgende Generationen haben dies alles analysiert, bewertet und lesenswerte Bücher daraus produziert. Einiges auch über die Reisen Goethes ins Erzgebirge. Deren Ziele sind zunächst genau bestimmt. Goethe wird 1776, nicht viel länger als ein halbes Jahr in Weimar, schon Beamter im Weimarischen Staatsdienst, Minister für vielfältige, verantwortungsvolle Aufgaben. Die Wiederbelebung des einstigen Bergbaus in Ilmenau gilt als sein größter praktischer Plan (Richard Friedenthal), dem er sich mit Leidenschaft verschreibt. Wohl auch in der Hoffnung, damit die ständigen Finanzprobleme des Herzogtums zu lösen. Dafür benötigt er, der Begeisterte, aber Unerfahrene, grundlegende praktische und wissenschaftliche Unterstützung. Vor allem von hochgebildeten Bergbau-Fachleuten. Die vermutet und gewinnt Goethe unter anderem im Bergbauland Erzgebirge – nicht zuletzt auch wegen der seit 1765 bestehenden Bergakademie in Freiberg. Also: Auf in die Kutsche! Hinaus ins Erzgebirge!

Bedeutende Bergbau-Fachleute kommen da ins Spiel. Zwei seien genannt: Zum einen ist da der in Marienberg emsig tätige Bergmeister, später in Freiberg Oberberghauptmann Friedrich Wilhelm Heinrich von Trebra; als Gutachter empfiehlt er, den Bergbau in Ilmenau wieder aufzunehmen. Im Juni 1776 kommt es zur ersten persönliche Begegnung mit Goethe – daraus erwächst eine lebenslange Freundschaft, eine wissenschaftlich anregender Korrespondenz vor allem zur Stein- und Gebirgskunde. Zum anderen ist da Johann Gottlob Gläser, ebenfalls ein Bergmeister, geboren 1721 in Gelenau, der, wie Goethes Tagebuch von 1777 vermerkt, mit Goethe mehrmals zusammentrifft. Und da sind seine verbrieften Bildungs-Reisen, um den erfolgreichen Bergbau im Erzgebirge gründlich in Augenschein zu nehmen. Beispielsweise: Freiberg 1790 und 1810: Goethe trifft sich mit den Vornehmsten des Bergwesens; besichtigt Bergwerke, besucht seinen Freund Trebra. Schneeberg 1785: Er begutachtet das umfangreiche Gesteinskabinett des Bergmeisters Adolph Beyer; 1786: Er fährt in die Bergwerke ein, wandert durch die Bergstadt, besichtigt den Filzteich … In seinen Schneeberger Reiseblättern schreibt er ausführlich über diese Erkundungen im August.

Annaberg, Zschopau, Wolkenstein, Geyer, Ehrenfriedersorf, Thum, um nur einige Orte nahe unseres Dorfes zu nennen, die Goethe möglicherweise auch besucht hat. Nicht zuletzt um seine umfangreiche Stein-Sammlung aus dem Erzgebirge zu vervollkommnen; diese Lokalitäten sind zumindest im Verzeichnis dieser Sammlung ausdrücklich benannt. Und Gelenau? Was für ein schönes Bild: Goethe fährt in seiner prachtvollen Reise-Chaise, langsam und achtsam, durch unser Dorf, verweilt am prächtigen Rittergut, plaudert mit dessen Pächter, erhält ein Gelenauer Gestein  für seine Sammlung, bedankt sich, winkt einigen neugierigen Dorfbewohnern zu und reist schon bald weiter nach Zschopau … So könnte es gewesen sein; Goethe hat es nur leider nicht aufgeschrieben …

Bleibt ein Trost: Damit müssen auch andere Erzgebirgsorte leben. Denn: Von 1775 bis 1823 reist Goethe in siebzehn Sommern in die böhmischen Bäder, vor allem nach Karlsbad und Marienbad – durch das sächsische Erzgebirge hindurch. Dass er auf diesen Reisen so manchen

Erzgebirgsort besichtigt, in Gasthöfen rastet, übernachtet, die nahe Umgebung erwandert, mit Einheimischen sich angeregt unterhält, Persönlichkeiten trifft …, all das ist sehr wahrscheinlich. Man reist ja nicht, um anzukommen … Auch darüber ist in seinen Tagebüchern, seiner Korrespondenz (leider) so gut wie nichts zu lesen.

Dass Goethe unserem Dorf aber durch seinen zweitägigen Aufenthalt in Chemnitz 1810, um das beginnende Maschinen- und Industrie-Zeitalter zu besichtigen, erneut räumlich sehr nahe kommt, ist vorzüglich aufbereitet (Siegfried Arlt). Aber dies ist bereits eine andere Erzählung …

Bernd Bräuer, Gelenau

Mehr dazu:

Biedermann, Woldemar Freiherr von, Goethe und das sächsische Erzgebirge. 1877. 2013.

Goethe, Tagebücher 1775 bis 1832. Ergänzungsband. 1964.

Mit Gelenau durch das Jahr 2022

Seine Kultur-Landschaften im Wandel der Jahreszeiten

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Ein neues Jahr! Mit guten Vorsätzen. Mit Wünschen. Mit Hoffnungen. Mit Träumen …

Was es auch immer für uns bringen mag, eins ist gewiss:

Der Wandel der Kultur-Landschaften durch Frühling, Sommer, Herbst und Winter wird uns auch durch das Jahr 2022 unaufhörlich begleiten. Das Blühen, das Reifen, das Welken, das Vergehen, das Ausruhen … In den Tälern und auf den Höhen unseres Dorfes.

Wie wundervoll können wir das, vor allem wohl auf Spazierreisen in alle Himmelsrichtungen durch unseren Ort, staunend erleben und beglückt genießen.

Mögen die hier gezeigten Landschaftsbilder Sie anregen, sich auch in 2022 auf den Weg zu machen, zu jeder Jahreszeit und natürlich auch bei jedem Wetter. Denn: Sonnenschein wirkt köstlich,/ Regen erfrischend,/ Wind aufrüttelnd,/ Schnee erheiternd./ Wo bleibt da das schlechte Wetter? (John Ruskin). In diesem Sinne! Hinaus ins Freie! Hinaus ins Jahr 2022!

ÜBER DAS LANGE DORF GELENAU

Was war – Was ist

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Gelenau (Gäln), gelegen im romantischen Erzgebirge zwischen den Städten Chemnitz und Annaberg-Buchholz, ist ein Dorf mit einer langen spannenden Geschichte und einer pulsierenden Gegenwart. Die Historie reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Dichte dunkle Fichten- und Tannenwälder prägen damals diese unwirtliche Natur-Landschaft. Doch im Zuge der deutschen Ostexpansion (zirka 10. bis 13. Jahrhundert) dringen Siedler, vor allem aus dem Rhein-Main-Lahn-Gebiet und Thüringen, in dieses waldreiche Land ein und machen es durch Wald-Rodungen urbar – eine entscheidende Voraussetzung auch für die Entstehung des Dorfes Gelenau (geile, fruchtbare Aue), das 1273 urkundlich zum ersten Mal erwähnt wird. Der Ort schlängelt sich entlang eines Seitentales des kleinen, kaum 18 Kilometer langen Flusses Wilisch, der den langen, aus vielen Rieseln gespeisten Dorfbach aufnimmt. Gerichtsberg, Galgenberg und Kegelsberg sind die bedeutendsten Erhebungen des Ortes. Zumindest die Namen Gerichtsberg und Galgenberg lassen erahnen, was sich hier im Mittelalter möglicherweise ereignet hat. Heute genießt man von diesen Höhen aus romantische Ausblicke auf den Ort und seine pittoreske Umgebung.

Das Dorf erstreckt sich über eine Länge von zirka sechs Kilometern mit einem Höhenunterschied von 250 Metern. Deshalb spricht man häufig von Unter-Gelenau (370 Meter hoch) und Ober-Gelenau (620 Meter hoch). Gegenwärtig leben zirka 4 500 Menschen in dieser malerisch gelegenen Gemeinde, die zur Region Ober-Erzgebirge – von Gelenau bis Oberwiesenthal – gehört. Wirtschaftlich ist der Ort im Verlaufe seiner Geschichte vielfältig geprägt worden. Der Bogen spannt sich von der Landwirtschaft über das Handwerk und die Strumpfwirkerei bis hin zu Spinnereien und Strumpffabriken im Industrie-Zeitalter. Die industriell geprägte Landwirtschaft, das Handwerk sowie Dienstleistungsunternehmen dominieren heute das wirtschaftliche Geschehen. Zwei traditionsreiche Schulen gibt es im Dorf: die Pestalozzi-Grundschule und die Freie Schule Erzgebirgsblick, eine Ganztagsschule.

Kulturell bietet Gelenau seinen Bewohnern oder Besuchern vielfältige Kultur- und Sportmöglichkeiten. Dazu zählen beispielsweise ein attraktives Erlebnis-Schwimmbad, Sportplätze und –hallen, ein fast 30 Meter hoher Aussichtsturm, Wanderwege, ein Strumpf-Museum, eine öffentliche Bibliothek, ein Club-Kino und Wintersport-Möglichkeiten.

Eine besondere Sehenswürdigkeit des Ortes ist die evangelisch-lutherische Dorfkirche aus dem 16. Jahrhundert, die am Fuße des Gerichtsberges steht und weit sichtbar über dem Dorf thront.

Eingebettet ist das Dorf in eine zu jeder Jahreszeit malerische Erzgebirgslandschaft mit ihren Bergen und Tälern, ihren Wäldern, Wiesen und Feldern.

DAS JAHR 1273

Über das 12. und 13. Jahrhundert

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Gelenau ist ja älter als 750 Jahre! Urkundlich zwar erstmals im Jahr 1273 erwähnt, was aber voraussetzt, dass die Geschichte des Dorfes früher, möglicherweise viel früher beginnt – so ein profunder Kenner in einem wein-heiteren Gespräch über die Geschichte der Dörfer und Städte im Erzgebirge. Nicht wenige solide historische Untersuchungen belegen, so der Historiker, dass die deutsche bäuerliche Kolonisation oder die deutsche Ostexpansion im Westerzgebirge bereits Anfang beziehungsweise Mitte des 12. Jahrhunderts vorankommt. Dies ist zumindest als ein weiterer Hinweis zu deuten, dass die Geburtsstunde Gelenaus vielleicht zirka hundert Jahre früher in diesem historischen Umfeld zu datieren ist. Dennoch: Eine gesicherte, belegbare historische Stütze dafür existiert nicht, so weiter im Gespräch, das sich nun zu einer höchst angeregten Diskussion auf die für Europa, für Deutschland geschichtsträchtige Zeit des 12. und 13. Jahrhunderts entfaltet – auch mit Bezug auch auf das Jahr 1273. Was ist nicht alles zur Sprache gekommen im geistigen Spaziergang durch die Geschichte dieser beiden Jahrhunderte! Einiges sei benannt:

Das Reich. Das Gebiet des heutigen Erzgebirges gehört in dieser Zeit zum Heiligen Römischen Reich (Sacrum Romanum Imperium, seit 1157 so bezeichnet), das vom Jahre 800, beginnend mit der Kaiserkrönung Karls des Großen bis zum Jahre 1806, endend mittels Niederlegung der Kaiserkrone durch Kaiser Franz II., existiert. Dessen Geschichte ist durch die Jahrhunderte nicht nur machtpolitisch voll von Wandlungen, voll von dramatischen Ereignissen. So auch im 13. Jahrhundert – für Goethe, nachlesbar in seinem Werk Dichtung und Wahrheit, eine besondere Zeit in der Entwicklung des Reiches. Friedrich II., der all-mächtige Kaiser – Enkel Friedrich Barbarossas, dessen Denkmal im Kyffhäuser steht – stirbt 1250. Große Verwirrungen, wie Goethe diese Zeit der Mehrkönigsherrschaft nach Friedrich II. beschreibt, folgen darauf. Das Interregnum (Zwischenzeit) wird erst im Jahr 1273 beendet – durch die Wahl Rudolf von Habsburg (Rudolf I.) zum römisch-deutschen König.

Die Markgrafschaft Meißen. Das mächtige Fürstentum, gegründet im Jahr 965 und existent bis ins Jahr 1423 ist für die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Erzgebirges durchaus bedeutsam, da die Markgrafen aus dem Geschlecht der Wettiner (seit dem Jahre 1098) durch ihre geschickte expansive Machtpolitik ihre Herrschaft bereits im 12. Jahrhundert bis in Gebiete des Erzgebirges auszudehnen vermochten. Glaubt man den Quellen: durch Waldrodungen, durch die Ansiedlung von Bauern, durch deren Ausstattung möglicherweise mit Land, Saatgetreide, Tieren und Lebensmitteln (Karlheinz Blaschke). Dass das Adelsgeschlecht der Wettiner in den nachfolgenden Jahrhunderten die Geschichte und Geschicke Sachsens, des Erzgebirges wesentlich prägen beziehungsweise lenken wird, dies ist eine andere Erzählung.

Die Klöster. Das Zisterzienserkloster in Grünhain (1232/1233 bis 1536) und das Benediktinerkloster in Chemnitz (um 1136 bis 1539/1540) sind für die religiöse, siedlungs- und baugeschichtliche, aber auch wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung im Westerzgebirge, durchaus auch wohl für Gelenau, von nicht zu überschätzender Bedeutung. Ein unerschöpfliches, nicht abgeschlossenes Thema. Zahlreiche, dazu geführte historische Untersuchungen in Vergangenheit (Emil Herzog, Hermann Gustav Hasse) und Gegenwart (Uwe Fiedler, Stefan Thiele) belegen dies. Nicht nur für Geschichtsfreunde eine (detail-)reiche Bildungs- und Aufklärungslektüre. Das bezieht sich auch auf jene, im Kloster Grünhain einst aufbewahrte Urkunde von 1273, in der Gelenau erstmals nachweislich erwähnt wird und die letztendlich als Geburtsurkunde unseres Dorfes angesehen wird.

Das Jahr 1273 ist übrigens für das Kloster Grünhain ein besonderes Jahr in seiner Machtentfaltung, erreicht durch umfangreiche Dorf- und Landerwerbungen, erhalten durch Lehen und Schenkungen, was einst urkundlich umfassend dokumentiert worden ist (Emil Herzog). Die meisten dieser Urkunden gelten durch die Auflösung des Klosters im Verlaufe des Jahres 1536 zwar als verschollen, aber es gibt noch immer Stimmen, die annehmen, dass das Kloster-Archiv einst von einigen treuen Zisterzienser-Mönchen ins Kloster Ossegg (Böhmen), wohin sie flüchteten, mitgenommen worden sei. Beflügelt durch das Auffinden von einigen Originalurkunden des Klosters im Jahr 1894, was allerdings nun auch bereits weit über hundert Jahre zurückliegt. Mal sehen …

Eine Tagesreise in die einstige Klosteranlage Grünhain, keine Autostunde von Gelenau entfernt, wo die fast ein Kilometer lange imposante Umfassungsmauer des Klosters, das einzig noch erhaltene Kloster-Gebäude Fuchsturm sowie Ausgrabungen etc. zu besichtigen sind, lohnt sich auf jeden Fall. Allerdings: Betenden und arbeitenden Mönchen begegnet man da (leider) nicht mehr …

Gelenau um 1856

… ist überhaupt ein sehr armer Ort

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Wer möchte nicht wissen, wie in der langen Geschichte von Gelenau unsere Altvorderen gearbeitet und gelebt haben? Wie sah das Dorf über die Jahrhunderte aus? Wie hat es sich entwickelt, wie verändert? Durch die großen geschichtlichen Ereignisse im Lauf der Zeit, durch die hier lebenden und tätigen Menschen.

Für unser Dorf in der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt ein prägnanter Text dazu recht anschaulich Auskunft. Zu finden ist dieser im Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von 1856, der nachfolgend, leicht gekürzt, in Original-Schreibweise, wiedergegeben wird.

Gelenau, ein ¾ Meilen langer Flecken, reicht vom linken Wilzschufer bis zur Annaberg-Leipziger-Strasse hinauf … Ein Theil dieses Dorfes sammt dem sonst amtssässigen Rittergute stand ehedem unter dem Amte Wolkenstein; ein stärkerer von 5 Bauern, 12 Halbhüfnern, 10 Gärtnern, 43 Häuslern und einer Mühle mit 2 Gängen gehörte unmittelbar unter das frühere Amt Augustusburg, wiewohl es von demselben sehr entfernt liegt. Erst am 31. Oktober 1796, wo das Rittergut zu Gelenau die Schriftsässigkeit erlangte, kam es an das Amt Wolkenstein.
Jetzt gehört Gelenau mit Thum und Jahnsbach zum Gerichtsamt Ehrenfriedersdorf, zum Bezirksgericht Annaberg … Gelenau hat 331 bewohnte Gebäude, 969 Familienhaushaltungen und 4682 Einwohner.
Fast alle Einwohner des Dorfes nähren sich von Klöppeln weisser Spitzen. Die zahlreichen Maurer und Zimmerleute gehen im Frühjahre meist in die Ferne, besonders nach Berlin, im Winter kehren sie heim und helfen klöppeln. Ausserdem wird hier viel Flachs erbaut und bedeutend ist hier der Korn- Bretter- und Butterhandel.
Unter den bewohnten Gebäuden befindet sich hier ein Lehn-Gut, 2 Gasthöfe, viele Schenken, 5 Mühlen, mehrere Sägen, Zeuch-, Garten- und Zwirnbleichen, 1 Unterförsterei.
Das gethürmte hiesige Schloss (Rittergut, Anm. d. Red.) ist von alter Bauart und die Entstehung desselben in die graue Vorzeit zu versetzen.
Herzog Albrecht der Beherzte (1443 bis 1500, Anm. d. Red.) verkaufte es 1499 mit allen Rechten nebst Thum an seinen Rath Heinrich von Schönberg, dem Älteren zu Stollberg, dessen Nachkommen bis auf die neuesten Zeiten im Besitze derselben geblieben sind. Der jetzige Besitzer ist Herr Aug. Casp. Ferd. von Schönberg auf Thammenhain, Gelenauer und Purschensteiner Linie …
Als Parochie bestand Gelenau vor und über 100 Jahre nach der Reformation aus dem Kirchendorfe selbst, dem Filial Weissbach mit dem oberen Theile von Dittersbach. Im Jahre 1673 ward aber Weissbach eine besondere Parochie und erhielt 1680 das Filial Dittersdorf …
Die Kirche, deren Erbauungszeit nicht zu ermitteln ist, wurde 1580 verlängert und verschönert … Der Thurm ist ausgebaut. Im Jahre 1666 wurde derselbe vom Blitz getroffen, wodurch eine Reparatur sich nöthig machte. Im Jahre 1763 musste man statt der verfaulten Säulen an der Nordseite neue einsetzen, und bei diesem Baue mag der Thurm seine jetzige schiefe nach der Pfarrwohnung sich neigende Richtung erhalten haben.
Im Innern der Kirche befindet sich ein schönes steinernes Epitaphium, das dem gedachten Joachim von Schönberg von seinen Söhnen errichtet worden ist … Hans Dietrich von Schönberg beschenkte im 18. Jahrhundert die Kirche mit einer neuen Orgel, einem Altar und Beichtstuhl in prächtiger Bildhauerarbeit. …
Die Schicksale Gelenaus betreffend, hat der Ort im 30 jährigen Kriege (1618 bis 1648, Anm. d. Red.) viele Drangsale aushalten müssen, so wie die Notjahre von 1816 (das Jahr ohne Sommer, Anm. d. Red.)  und 1817 ihre Opfer forderten. Gelenau ist überhaupt ein sehr armer Ort und nur die erzgebirgische Genügsamkeit ist vermögend, gegen solche Noth und Ausdauer anzukämpfen.
Rühmend muss es aber auch anerkannt werden, dass die Gerichtsherren von Schönberg zu jeder Zeit darauf bedacht waren, Noth und Elend zu mildern und Hülfe zu schaffen …

Leicht gekürzt aus: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen, Hrsg., Gustav Adolf Poenicke, IV: Erzgebirgischer Kreis, Leipzig 1856, S. 116 f.

150 Jahre Volksbank in Gelenau

Genossenschaftsbank behauptet sich seit 1873 in wechselvoller Geschichte

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Gelenau. 1873. 22. August. Ein Freitag. Ein offensichtlich sonniger, milder Sommertag. Vielleicht mit leichtem Wind vom Gerichtsberg. Das dürften die 21 Gälner Bürger (Handwerksmeister, Händler, Kaufleute, Fabrikanten, Pächter des Rittergutes) als gutes Omen für ihr Vorhaben gewertet haben. Gründeten sie doch an diesem Tag einen Vorschussverein, als Bankverein für Gelenau und Umgebung benannt, eine Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht. Ein durchaus kühnes Unterfangen. Haften doch die Gründer mit ihrem gesamten Vermögen für die Verbindlichkeiten der Genossenschaft. Sie sind sich dieser Risiken sicher bewusst, aber die verlockenden Chancen, auch als Unternehmer endlich am beschleunigten wirtschaftlichen Wachstum in Deutschland teilzuhaben, das seit Mitte der 1860er Jahre und erst recht seit der deutschen Reichsgründung 1871 anhält, beflügeln und bewirken nicht zuletzt diese Gründung. Denn: Für die wirtschaftliche Existenzsicherung, die Modernisierung, ja Entfaltung dieser meistens Kleinunternehmer bedarf es umfangreicher finanzieller Investitionen, Kredite, die dem (aktuell formuliert) Mittelstand auch im Erzgebirge, in Gelenau fehlen. Aber wo sollen diese nun herkommen? Nicht von den Groß- und Privatbanken. Die Lösung sind die seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstehenden Genossenschaftsbanken, die auf dem kurz gefassten Geschäftskonzept basieren: Was man nicht allein durchsetzen kann, dazu soll man sich mit anderen verbinden. Durch Selbsthilfe, durch Selbstverantwortung und durch Selbstverwaltung. Zu den grundlegenden Aufgaben gehören vor allem die Mitglieder mit günstigen (auch Klein-)Krediten zu versorgen, die Einlagen gut zu verzinsen, den Zahlungsverkehr zu realisieren … Entwickelt und praktisch umgesetzt von engagierten Sozialreformern und Politikern wie Hermann Schulze-Delitzsch (1808 bis 1883), der als der Gründervater der Volksbanken gilt, die er übrigens bereits 1855 so bezeichnet (Ludwig Hüttl).

Büste Hermann Schulze-Delitzsch

Der Bankverein beginnt seine Arbeit in Gelenau am 20. Januar 1874; in einem kleinen Gebäude (hier bis 1913), unterhalb der Dorfkirche gelegen. Glaubt man den Quellen, sind am ersten Geschäftstag durch 24 Vereinsmitglieder 399 Taler und durch zwei Einleger insgesamt 1000 Taler eingezahlt worden. Ein kleiner, aber erfolgversprechender Anfang, der sich auch im Abschluss des ersten Geschäftsjahres 1874 bestätigt: Die Mitgliederzahl ist auf 46 angewachsen und der Umsatz beträgt bereits 74.124 Taler. Bis zum Jahr 1913 entwickelt sich der Bankverein, zunehmend das Vertrauen der kleinen Unternehmer des Dorfes gewinnend, kontinuierlich, aufsteigend. Zwei Zahlen mögen dafür stehen: Der Bankverein zählt zu diesem Zeitpunkt 99 Mitglieder, die Bilanzsumme beträgt 420.000 Mark (Taler durch Mark im Ergebnis der Gründung des deutsches Reiches abgelöst, in Sachsen zum 1.1.1875). Die Kriegsjahre von 1914 bis 1918 haben die Existenz der Bank nicht erschüttert, wohl aber die auch Deutschland schwer treffende Weltwirtschaftskrise (1929 bis circa 1932), die damit einhergehende gewaltige Bankenkrise. Jedoch: Der Bankverein Gelenau bleibt existent; er überwindet aus vielerlei Gründen diese Krise. Der Bau des neuen Bankgebäudes 1937 an der Dorfstraße (heute Straße der Einheit 99) belegt dies anschaulich. Volksbank Gelenau nennt der Bankverein sich ab dieser Zeit.

Schwere, ja dramatische Zeiten durchlebt die Volksbank im 2. Weltkrieg, dann in der sowjetischen Besatzungszone, danach in der DDR. Die zahlreichen Umbenennungen der Bank zeugen nicht zuletzt von diesen geschichtlich turbulenten Zeiten.

Die Volksbank Gelenau ist heute eine modern ausgestattete, erfolgreiche Filiale der Volksbank Chemnitz, so Stefan Stelter, ihr Leiter, im anregenden Gespräch und fügt hinzu, den nach wie vor aktuellen Grundprinzipien des Gründervaters verpflichtet zu sein, natürlich angepasst an die hohen Anforderungen an eine Volksbank im 21. Jahrhundert.

Mehr dazu:
Historische Festschrift zum 725. Ortsjubiläum von Gelenau 1273 – 1998, S. 34 ff.
Schulze-Delitzsch-Haus, Deutsches Genossenschaftsmuseum, Delitzsch, www.genossenschaftsmuseum.de

Wer kennt sie schon

die Wilisch in Gäln?

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Wohl kaum der Rede wert, die Wilisch in Gäln – ab und an kann man das auch von Ortsansässigen hören. Das scheint auch auf dem ersten Blick so zu stimmen. Fließt dieser Fluss doch unscheinbar nur auf einer kurzen Strecke durch Unter-Gelenau. Kein Flößer, kein Schiff, kein Schwimmer wurden je hier gesehen. Trotzdem gehört die Wilisch als Wahrzeichen zu unserem Dorf. Zahlreich sind die Gründe dafür. Drei davon seien angedeutet. Da ist zum einen der geschichtliche Bezug. Von Anbeginn jeder menschlichen Zivilisation haben die Menschen meistens dort gesiedelt, wo es Wasser in Gestalt von Bächen und Flüssen gibt. Zuallererst aus lebensnotwendigen, lebenssichernden Gründen.  Deshalb verwundert es nicht, dass entlang der Wilisch Menschen im Zuge der deutschen Ostexpansion (zirka 10. bis 13. Jahrhundert) das waldreiche, unwirtliche Land roden, sesshaft werden und so Hufen-Dörfer entstehen, die heute auf eine lange Geschichte zurückschauen. So eben auch Gelenau, das sich in einem Seitental der Wilisch entlang schlängelt. Mit seinem Dorfbach, seinem Mittel-Gebirgsbach, der sich aus Quellen und Rieseln der unmittelbaren Umgebung speist und bei starkem, anhaltendem Regen oder bei rascher Schneeschmelze durchaus bedrohlich ansteigen kann. So 1882 durch einen Wolkenbruch. Straßen und Wege sind sofort überflutet. Häuser werden beschädigt. Menschen kommen in den Fluten zu Tode – ein Denkmal im Dorf erinnert daran. Solche Gefahren gehen heute wohl vom Gelenauer Dorfbach, vor allem wegen der getroffenen Hochwasser-Schutzmaßnahmen, nicht mehr aus. Doch schwere Gewitter, sintflutartiger Regen, Wolkenbrüche sind nie auszuschließen und können selbst einen Dorfbach rasch in ein reißendes Gewässer verwandeln. So geschehen im Juli 2009. Der Bach mäandert durch den langen Ort und fließt in Unter-Gelenau in die Wilisch hinein.

Zum anderen ist die Wilisch einst ein Wirtschaftsfaktor ersten Ranges gewesen. Die Wasserkraft nutzend haben am Fluss prachtvolle Mühlen gestanden und gearbeitet, um die sich übrigens nicht wenige spannende, mündlich überlieferte Legenden ranken. Spuren von Kalköfen belegen, dass in Flussnähe einst Kalkstein gewonnen und gebrannt worden ist. Vor allem im Zuge der Industriealisierung vom 19. zum 20. Jahrhundert entstehen an der Wilisch große Fabriken der Textil- und Papierbranche – nicht zuletzt zeugt davon der mächtige Industriebau der einstigen Baumwollspinnerei (1906 erbaut) an der Wilisch in Gelenau.

Heutzutage haben sich die Wege entlang der Wilisch herausgeputzt für Wanderer und Radfahrer – vor allem dort, wo einst die Schmalspurbahn (1886 bis 1972) unmittelbar am Fluss entlang schnaufend fuhr und nützliche Dienste verrichtete. Eine Spazierreise an der Wilisch entlang, zu Fuß oder per Rad, ist zu jeder Jahreszeit ein beeindruckendes Natur-Erlebnis durch eine malerische und abwechslungsreiche Flusslandschaft, die in Harmonie mit schmalen und manchmal weiten Tälern, steil aufsteigenden Höhen und felsigen, bewaldeten Bergen steht. Der Fluss, kaum dass er an den letzten Häusern von Gelenau vorbei geflossen ist, erreicht hier sein weitestes Tal mit einer breiten und idyllischen Auen-Landschaft. Verweilt man hier, schaut zurück in Richtung Gelenau, eröffnet sich ein pittoresker Weitblick über die einstige Baumwollspinnerei hinweg bis zum Gerichtsberg, dem höchsten Berg des Dorfes. Und für all jene unter uns, die an Kulturgeschichte interessiert sind, ist ein Wandern und Spazieren entlang der Wilisch noch immer auch eine spannende und lehrreiche Entdeckungsreise in das Leben und Tun der Menschen an der Wilisch, in ihre Geschichte und Kultur – einst und jetzt.

 

Über die Wilisch

Die Wilisch entspringt im Greifensteingebiet, oberhalb des Ortes Ehrenfriedersdorf; sie ist weder breit noch tief. Sie vereinigt sich mit dem Jahnsbach vor dem Ort Herold und windet sich in zahlreichen Bögen durch sehenswerte Erzgebirgsorte, wie Herold und Gelenau. Sie  durchfließt reizvolle kleine und größere Steinbogenbrücken. Neben Fichten stehen und wachsen an der Wilisch hohe alte Laubbäume – vor allem Buchen, Eichen, Birken, Linden und Ahorn. Vom Quellgebiet bis zur Mündung beträgt das Längsgefälle des Flusses zirka 310 Meter. Nach knapp 18 Kilometern mündet die Wilisch, mal plätschernd, mal brausend, in die Zschopau bei Wilischthal.

Von FACHWERK- und SCHIEFER-HÄUSERN und einem RITTERGUT

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Zu Beginn der Besiedelung des Erzgebirges, die mit umfänglichen Wald-Rodungen einhergeht, bauen die Menschen ihre Unterkünfte, ihre Häuser, Ställe und Scheunen, ihre Kapellen und Kirchenkomplett aus Holz. Wahrscheinlich im 12. und 13. Jahrhundert kommt die Fachwerk-Bauweise, die durch ein tragendes Holzgerüst (Tannen-, Fichten-, Eichenholz) und durch einen Holz-Lehm-Verbund oder durch Ziegelsteine ausgefüllte Zwischenräume charakterisiert ist, ins Erzgebirge – mitgebracht offensichtlich von den Siedlern und Einwanderern aus Thüringen und Franken. Es ist nicht verwunderlich, dass sich im holzreichen Erzgebirge diese im Vergleich zum reinen Holzhaus stabilere Bauweise rasch verbreitet hat – meistens aber mit weniger Holz-Schmuckelementen als in anderen deutschen Regionen, wie beispielsweise im Harz oder in der Oberlausitz. Dafür gibt es sicher viele Gründe. Die durch den intensiven Bergbau im Erzgebirge und das Hüttenwesen wohl bereits im 16. Jahrhundert einsetzende Holzknappheit, die einen sparsamen Einsatz dieses Materialsim Häuserbau erzwingt, gehört bestimmt dazu. Belegt unter andern durch kurfürstliche Verfügungen, dass Holz für ganze Häuser nicht mehr verwendet werden darf und Steine, zumindest für ein Geschoss, genutzt werden müssen. Der vorherrschende Stein-Häuserbau geht natürlich auch im Erzgebirge einher mit der zu Beginn des 19. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung des Wirtschaftslebens.

Die Fachwerkhäuser im Erzgebirge haben überwiegend einen massiven, steinernen Unterstock und einen Fachwerk-Überstock mit grauen Schieferdächern.

Ansehnliche und für das Erzgebirge typische Fachwerkhäuser sind auch in Gelenau zu finden und zu bestaunen – sei es auf einem Spaziergang entlang der langen Hauptstraße des Dorfes oder auf den davon abzweigenden Nebenstraßen und Wegen. Umläuft man Gelenau auf dem Höhenweg, dann kommt man im Süden an einem prachtvollen, alleinstehenden und von hohen Laub-Bäumen und Fichten eingerahmten Fachwerkhaus vorbei – ein Sinnbild der Harmonie von Natur und Baukunst, ein romantischer Anblick zu allen Jahreszeiten. Auf diesen Wanderungen fallen dem aufmerksamen Beobachter natürlich die für das Erzgebirge und für Gelenau typischen sowie imposanten schieferverkleideten Steinhäuser auf; und sicher auch, wie Fachwerk-Bauweise und Schieferverkleidung sich kunstvoll und spielerisch in einem Bauwerk vereinen können. Für Geschichte und Gegenwart des Dorfes ist der prachtvolle Bau des einstige Rittergutes, der seit 1907 Rathaus des Ortes ist, von besonderer Bedeutung: Er ist letztendlich der erhaltene steinerne Zeuge der bald 750 Jahre bestehenden, urkundlich verbrieften Existenz von Gelenau – wohl wissend, dass die Geschichte des Dorfes und auch des Rittergutes allerdings bereits im 12. Jahrhundert beginnt.

Als im Zeitraum von 1854 bis 1856 das Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen in fünf Bänden entsteht und von Gustav Adolf Poenicke bearbeitet und herausgegeben wird, ist im Erzgebirgischen Kreis auch das Rittergut Gelenau dabei, hier zeigend als Tonlithographie. Es ist nicht einfach nur als ein wirklichkeitsgetreues, mächtiges Bauwerk, sondern als eine anmutige, idyllische Vedute mit Hofwall, Hofteich und einigen tätigen Menschen dargestellt, die auf die wirtschaftlichen Potenzen des Rittergutes verweisen.

Das verdienstvolle, wohl kunstfreudige und -fördernde sächsische Adelsgeschlecht derer von Schönberg besitzt von 1533 bis 1907 das Rittergut in Gelenau und nicht nur das. Aber dies ist bereits eine andere lohnende Geschichte …

Weitsichten, Wanderungen, Wälder, Wiesen

Vom Sommer in Gäln

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Die Boten des Sommers haben auch in Gelenau ihre Gelb- und Ocker-Töne, die Farben des Reifens und der Reife, in die saftig grüne Landschaft hineingemalt. Es sind vor allem die wogenden, reifenden Getreidefelder, wie Weizen, Roggen und Gerste, die eindringlich darauf hinweisen und belegen, dass nun der Frühling vergangen ist und der Sommer das Zepter führt. Zwar werden die Tage nach der Sommer-Sonnen-Wende (21. Juni) nicht mehr länger, aber bis weit in den August hinein liegt bis kurz vor Mitternacht noch eine romantische Sommer-Helle über den bewaldeten Höhen des Kegelsberges. Nicht selten bringt der Sommer kühle, verregnete Tage, aber dann auch wieder eine schwüle Wärme mit kräftigen, reinigenden Gewittern über das Land. Nach solch einem Tages-Gewitter oder auch an einem lichten frühen Abend mit weitem Himmel sollte man (wieder einmal) hinauf auf die Gelenauer Höhen steigen. Belohnt wird ein Jeder durch beeindruckende Fernsichten: wie beispielsweise zu Pöhlberg (831 Meter hoch), Bärenstein (898 Meter hoch) und Fichtelberg (1215 Meter hoch) oder zur Krone des Erzgebirges, der berühmten Augustusburg mit ihren prägnanten Türmen – sie steht majestätisch auf dem 516 Meter hohen Schellenberg und ist 1568 bis 1572 als Jagdschloss des sächsischen Kurfürsten August (1526 bis 1586) erbaut.

Im Blick nicht weniger Menschen gehören Erzgebirge und dichte Fichtenwälder, trotz der großen Wald-Rodungen seit dem Mittelalter und einer anhaltenden Urbanisierung, ja noch immer zusammen. Das gilt augenscheinlich auch für unser Dorf, das wohltuend von Fichten- und Mischwäldern umgeben ist. Spaziergänger und Wanderer wissen dies im Sommer wegen der Frische, der Kühle, die hier auch an warmen oder heißen Sommertagen herrscht, besonders zu schätzen. Auch die vielen kleinen Wäldchen um das Dorf, die immer wieder rasch durch Felder und Wiesen unterbrochen werden, sind für den Wanderer besonders reizvoll. Eröffnen sich doch dadurch nicht selten überraschende Aussichten auf Gelenau, auf benachbarte Dörfer und Orte, auf die Silhouette des Erzgebirgskammes in der Ferne, auf eine einsam stehende mächtige Fichte oder uralte Eiche, auf grasende Kühe und Schafe oder auf eine faszinierende Wolkenlandschaft vor einem heraufziehenden Gewitter, vor dem der überraschte Wanderer vielleicht in der Hütte des Gelenauer Ornithologenvereins, de Vugelbud genannt, Schutz findet – sie steht auf festem Grund in einem Wäldchen im Norden von Gelenau, unweit des Kemtauer Felsens.

Zahlreiche, erlebnisreiche Fuß-Reisen können von Gelenau aus in die nahen Fernen unternommen werden. Vielleicht der Wilisch und dann der Zschopau stromabwärts folgend bis zum Schloss Wildeck in der Stadt Zschopau oder der Zschopau stromaufwärts entlang wandern bis zur Burg Scharfenstein, die auf einem Bergsporn hoch über der mal rauschend, mal ruhig dahin fließenden Zschopau thront – so wie dies einst der berühmte Dresdner Landschafts-Maler Ludwig Richter (1803 bis 1884) freudvoll unternommen haben soll.

Besonders reizvoll ist eine Fußreise, die von der Gelenauer Eisenstraße Richtung Westen durch den Abt-Wald führt, vorbei am berühmten Tischel, einst Jagd-Rastplatz des Abtes und der Mönche vom Benediktiner-Kloster Chemnitz, dem Ort Gornsdorf entgegen, wo der Wanderer, erstaunt und überrascht zugleich, mitten im Wald eine an Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) und den Dichter und Sänger des Erzgebirges, Anton Günther (1876 bis 1937) erinnernde, liebevoll gestaltete Natur-Gedenkstätte findet. Hier tafelnd und bechernd zu verweilen, dazu vielleicht ein Goethe-Gedicht aufsagend oder ein Lied von Anton Günther singend, krönt diese sommerliche Spazierreise.

Vom Herbst in Gäln

Weiße Nebel wallen, Sinfonie aus Farben und Licht

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Ende August. Anfang September. Frühe Herbstboten. Nicht nur, dass man plötzlich spürt, dass die Tage wieder kürzer werden, die Frühe länger kühler und der Abendhauch kräftiger ist. Die ersten müden und bunten Blätter fallen von den Bäumen, auf den Getreidefeldern stehen nur noch Stoppeln. Nein, es sind wohl auch die dichten weißen Nebel, die nun öfter am Morgen wieder die Landschaft einhüllen und den  nahenden Herbst ankündigen. Die Zeit beginnt, in der die Natur ab und an ganz besondere Schauspiele bereit hält: Steigt man an einem milden Nebel-Morgen, noch vor Sonnenaufgang, vom Tal hinauf auf den Gerichtsberg, so erlebt man nicht nur, wie nach Sonnenaufgang ein verwirrendes Licht durch den feinen weißen Nebel dringt, sondern dieser sich auf der Bergeshöhe wie von Zauberhand nahezu unmerklich auflöst. Plötzlich steht man im gleißenden Licht der Sonne und gleichsam über dem Nebel, der noch immer über dem Tal liegt und das Dorf verhüllt. Man fühlt sich dann vielleicht wie der Wanderer über dem Nebelmeer im Gemälde des romantischen Malers Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) – staunend, bewundernd, ergriffen, erhoben. Ein Natur-Schauspiel, das manchmal so rasch nicht endet. Denn: Nun beginnt es aus den Tälern zu dampfen. Konturen mächtiger Bäume, der Dorfkirche, der Häuser, des Aussichtsturmes … scheinen in rasch dahin ziehenden und in sich wandelnden Figuren aus feinen, dünnen Nebelschwaden auf. Wer einen solchen Tagesbeginn in seiner Schönheit und Grandiosität je geschaut und beobachtet hat, weiß, dass die Welt nicht romantisiert werden muss, wie der frühromantische Dichter Novalis (1772 bis 1801) meinte, sondern sie ist romantisch – wir müssen es nur wahrnehmen.

Manchmal ist der Sommer in Gelenau kühl, windig, verregnet, was für die gemäßigte Klimazone, in der die Gemeinde liegt, beinahe als Regel gilt. Natürlich hofft man dann sehnsüchtig auf einen warmen, leuchtenden und bunten Herbst, der auch meistens Ende September, Anfang Oktober über das Land kommt. Zwar nur für eine kurze Zeit, fast nie länger als drei Wochen, dafür aber voll von Glanz und Pracht. Die Laub-Bäume verfärben sich – eine Sinfonie aus Farben und Licht, komponiert und instrumentiert durch die Natur in großer Besetzung. Die Baldachin- oder Deckennetz-Spinnen knüpfen und legen ihre feinen Gespinste – von den Menschen einst für Zauberwerk von Zwergen oder Elfen gehalten – auf Wiesen, Feldern und Sträuchern ab. Und: Die Tage sind weitsichtig, die klare Nacht gibt einen großen und tiefen Sternen-Himmel frei oder einen runden, hell leuchtenden Mond, der mit seinem weißen Licht die Landschaft verzaubert. Einen besonders pittoresken Anblick bietet – zu jeder Jahreszeit und von den unterschiedlichsten Standorten des Dorfes aus gesehen – die am Fuße des Gerichtsberges stehende und im Herbst in bunte Laubbäume eingehüllte Dorf-Kirche, erbaut 1580 bis 1581. Die Kirche hat über die Jahrhunderte hinweg ihre äußere Gestalt behalten – bis auf Turm und Sakristei. Auch im Inneren enthält sie viel Sehenswertes, künstlerisch Wertvolles, beispielsweise das Sandstein-Epitaphium (für Joachim I. von Schönberg), den Taufstein und die Kanzel – ebenfalls aus Sandstein. Geschaffen im 16. Jahrhundert vom Freiberger Künstler Andreas Lorentz (1530 ? bis 1588 ?). Sehenswert sind auch der Altar aus dem 18. Jahrhundert, hörenswert die Jehmlich-Orgel aus dem 20. Jahrhundert und die Kirchen-Glocken.

Wandert man an einem solch prachtvollen Herbst-Tag mit offenen Augen durch Gelenau, vielleicht an der Wilisch entlang, vielleicht über die Höhen, durch Wälder oder über abgeerntete Felder, dann ahnt man: Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, die schönsten Früchte ab von jedem Baum. O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält… (Friedrich Hebbel, 1813 bis 1863).

ABSCHIEDSFEIER

Zwischen Herbst und Winter

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Zwischen den Zeiten. Weder Herbst, weder Winter. Fichten und Tannen stehen dunkelgrün, glanzlos. Auch die Lärchen sind kahl, schmucklos. Dort, wo ihre Nadeln dicht gefallen sind, bilden sie einen weichen Teppich. Die Blätter der Laubbäume liegen schon längst als nasses Laub auf der Erde. So auch die glänzenden, goldgelben Blätter des Ginkgo-Baumes (Goethe, Farbenlehre). Manchmal geschieht es, dass die Linden über Nacht ihre Blätter dem starken Wind preisgeben. Nur die Eichen, in Mythen und Sagen einst ein heiliger Baum und oft von bestaunenswerter Gestalt, halten ihr Laubwerk noch fest bis zum Frühling – braun und welk und unansehnlich. Vielleicht steht im Garten, wo es bereits fein nach Moder riecht, noch eine letzte Rose oder eine Chrysantheme. Doch der Herbst hat seine Arbeit gründlich getan. Mit Winden und Stürmen, tagelangem Regen, Kälte. Über das Land ist eine Zeit der kurzen, trüben, dunklen Tage gekommen, mit grauen, schweren und tief ziehenden Wolken. Jeder, der vors Haus muss, eilt mit Regenschirm und in vor Kälte schützender Kleidung, um sein Ziel auf dem kürzesten Weg zu erreichen und  rasch wieder nach Hause zurückzukehren – in die warme gute Stube. Wohl dem, der in diesem Wetter überhaupt nicht hinaus muss und der an einem solchen Tag ein wohltuendes Mittagsschläfchen halten kann … Aber nicht wenige Menschen werden an solchen Tagen, so meine Beobachtung, von einer melancholischen, ja traurigen Stimmung erfasst; sie stehen an Gräbern ihrer Altvorderen oder am Denk- und Mahnmal Ich hatt` einen Kameraden, das sich in Nachbarschaft der Dorfkirche von Gelenau befindet. Und: Dass der Volksmund (und so mancher Dichter) meint, dass in einer solchen Zeit nicht wenige der Lebensmüden gehen, dürfte nicht von der Hand zu weisen sein …

Aber dann gibt es endlich, ab und an, diese milden Nebelfrühen, wenn sich lange über dem Wilisch-Tal ein wie von Zauberhand gezogenes weißes Nebelband spannt. Oder diese prachtvollen Nachmittage! Wenn plötzlich, oft kurz bevor der Tag endet, die Wolken sich auflösen und die Sonne, bereits flach im Westen stehend, sich in den Regentropfen, die dicht gedrängt an Ästen und Zweigen der kahlen Bäume hängen, glanzvoll spiegeln. Es ist als ob die Natur plötzlich auf eine wundersame Weise still stände, sich nicht entscheiden könne, wohin die Reise gehen soll oder als ob sie den durch die Menschen oft als schmerzlich empfundenen Abschied vom Sommer mittels eines solch lichten Morgens oder Nachmittags lindern wolle. Vielleicht auch um sie zu trösten: Nicht weinen, weil sie (die Sommertage) vorüber! Lächeln, weil sie gewesen! … (Ludwig Jacobowski). Doch die Reise geht vielleicht schon am nächsten Morgen weiter. Der Winter klopft an – mit Rau-Reif auf Feldern, Wiesen und Sträuchern, auf Dächern und Zäunen, mit vereisten Bäumen, einer hauchzarten Eisdecke auf den Weihern, vergoldet durch eine kalte Morgensonne – wie in einem wundersamen Märchen der Gebrüder Grimm. Die Natur hat wieder gezaubert. Durch eine dünne weiße Pracht, die die Hoffnung und Freude auf einen schneereichen, kalten Winter wachruft. So verlieren allmählich die trüben, nasskalten und kurzen Tage ihren Schrecken – nicht nur wegen der zu erwartenden lichten Wintertage, sondern auch wegen der nahenden, leuchtenden und kerzenreichen Adventszeit – mit ihrer traditionellen und besonderen Herrlichkeit im Erzgebirge, in Gelenau.

BERGAUF, BERGAB – AUF SKIERN, MIT DEM SCHLITTEN, ZU FUSS

Vom Winter in Gäln

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Winter in Gäln. Über das Dorf kommen, nicht selten, über Nacht vom Osten her klirrende Kälte, starker Wind und viel, viel  Schnee. In der Frühe sind die Wege verschneit und verweht. Die Dächer der Häuser tragen weiße Hauben. Hoch liegt der Schnee vor den Haustüren. Schneewehen türmen sich auf Feldern und Wiesen. Aus den Wäldern sind über Nacht herrliche Märchenlandschaften geworden… Staunend schauen dann Jung und Alt auf Verwandlung und Verzauberung des Ortes durch die Ankunft des Winters. Dicke Mäntel, Pullover, Handschuhe, Schals, gefütterte Stiefel – die Winterkleidung liegt schon lange bereit und wird angezogen. Vergnügt und laut stapfen Kinder auf ihrem Weg zur Schule durch den hohen Schnee. Mütter oder Väter ziehen auf Schlitten ihre Jüngsten zum Kindergarten. Berufstätige bahnen sich den Weg zu ihren verschneiten Autos. Nicht nur rüstige Pensionäre beginnen schon am Morgen eifrig Schnee zu schippen. Natürlich hat der große Schneepflug schon in aller Herrgottsfrühe die wichtigsten Straßen des Dorfes vom Schnee befreit…

Das Leben mit Schnee, Eis und Kälte hat begonnen. So oder so ähnlich. Schnell wird das Winter-leben zum ganz normalen Alltag, denn raue, kalte und schneereiche Winter gehören zum Erzgebirge, auch zu Gelenau – und nicht nur auf die Kammlagen über 1 000 Meter Höhe. Besonders freudig wird die Ankunft des Winters natürlich bei den kleinen und großen Winter-Sportlern begrüßt: bei den Langläufern auf Skiern, bei den Abfahrtsläufern, bei den Rodlern, aber auch bei den heiteren Wanderern durch die verschneite Landschaft. Vielleicht geht es hinauf auf die Höhenwege, beispielsweise die Eisenstraße, auf denen man Gelenau fast durchgängig umwandern und dabei reizvolle Ausblicke auf Landschaft und Ort im weißen Schmuck genießen kann. Für die Abfahrtsläufer gibt es am Gerichtsberg einen zwar kurzen, aber steilen Skihang mit Schlepplift. Auf dessen Höhe angekommen, eröffnet sich ein malerischer Blick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Kegelsberg. Tief durchatmend bestaunt man dieses Winter-Panorama und rauscht –

nach Augenblicken des Verweilens – mit frischem Mut und Schwung den schneebedeckten Steil-Hang erneut hinunter …

VON DER WUNDERSAMEN ADVENTSZEIT

… und wächst entgegen der einen Nacht der Herrlichkeit (Rilke)

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Auf den (noch immer) geheimnisvollen Dachböden … Vorfreude ist die schönste Freude. Dieser Spruch muss im Erzgebirge – vielleicht sogar in Gelenau – in der Woche vor dem ersten Advent entstanden sein. Denn: In dieser Zeit steigen Kind und Kegel voller Ungeduld endlich hinauf, unters Dach, in die Dachkammern. Seit fast zehn Monaten schlafen hier die wundersamsten kleinen und großen Figuren vor allem aus Holz – die Räuchermänner, die Nussknacker, die Bergmänner, die Engel, die nun in die Wohnstuben hinuntergebracht, vorsichtig und behutsam ausgepackt und geweckt werden. Aber auch die Schwibbögen, die Lichterhäuser, die Pyramiden, die Adventssterne, die Weihnachtsberge werden hervorgeholt, sorgsam zusammengebaut, kunstvoll in Zimmern auf Tischen, Kommoden, Fensterbrettern aufgestellt. Interessant ist zu sehen, wie in diesen Figuren und Formen unter anderem die (einstige) Lebenswelt der Bergleute im Erzgebirge kunstvoll regelrecht aufersteht. Auch in der früheren und gegenwärtigen sakralen Kunst. So sind beispielsweise bereits im 17. Jahrhundert Bergmänner aus Zinn oder Holz als Träger von Altarkerzen nachweisbar.

Vor vielen Häusern, auf den Plätzen des Ortes ist nun ein reges Treiben zu beobachten – Fichten, Tannen, auch Sträucher werden mit Lichterketten geschmückt. Da und dort erstrahlt der nicht selten schon verschneite Baum im hellen Licht, das rasch wieder verlöscht – zufriedene, strahlende Gesichter, wenn alles im Probe-Leuchten auf Anhieb funktioniert.

So erreicht die Advents- und Weihnachts-Vorfreude, wie jedes Jahr, Jung und Alt – von Unter- bis Ober-Gelenau, in den Tälern und auf den Höhen… Endlich ist dann der erste Advent da. So, als könnte man es nun nicht mehr erwarten, erstrahlt der Ort schon in der frühen Dämmerung wie ein großes Lichterhaus. Schauend, staunend und bewundernd geht man durch die Straßen und Gassen des Dorfes. Sicher auch zur großen Pyramide vor dem Gelenauer Rathaus, die durch das Fest des Pyramiden-Anschiebens, am Vorabend des ersten Advents, sich nun bis weit ins neue Jahr hinein unaufhörlich, ohne Hast, aber ohne Rast, zur Freude aller bewegt und dreht.

Nun geht es auf Weihnachten zu. Wie wohl überall setzt ein reges geschäftiges Treiben ein, gilt es doch die Weihnachtsgeschenke zu gestalten, die Stollen, vielleicht bei einem der Bäcker in Gelenau backen zu lassen oder zumindest zu bestellen, sich für den Weihnachtsbraten zu entscheiden, den Weihnachtsmarkt des Ortes zu besuchen …

Doch nach all dem hastigen Tun und Treiben des Tages bringt der Abend im Angesicht all der erleuchteten wundersamen Figuren, dem stetigen Drehen der kleinen und größeren Pyramiden mit ihren christlichen oder weltlichen Motiven innere Ruhe, Stille und Frieden zurück. So vielleicht beim abendlichen, einst kargen Mahl in der Familie. Oder bei einem Abend-Spaziergang durch den  lichterhellen Ort. Der spätromantische Dichter Joseph von Eichendorff hat einen solchen Augenblick erlebt und poetisch festgehalten: Markt und Straßen stehn verlassen, /Still erleuchtet jedes Haus, /Sinnend geh ich durch die Gassen, /Alles sieht so festlich aus … (aus: WEIHNACHTEN). Und dies erst recht, wenn eine fleißige Frau Holle die Betten kräftig über dem Erzgebirge, über Gelenau ausgeschüttelt hat!

VOM LANGEN LEBEN

… oder: alles hat Anfang und Ende …

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

WOHNUNGSGENOSSENSCHAFT IN GELENAU? Natürlich kenne ich die, meine Familie ist doch bereits in der vierten Generation hier Mitglied, antwortet die rüstige und freundliche Frau auf meine Frage. Die vierte Generation steht vor Ihnen, setzt sie gleichermaßen schmunzelnd wie ein wenig wehmütig hinzu, und erzählt mir dann, als könnte sie endlich darüber reden, nahezu eine spannende Gelenauer Familiensaga. Die habe ich zwar aufgeschrieben; sie ruht aber (noch) unveröffentlicht in meinem Schreibtisch. Diese Begegnung liegt nun inzwischen auch einige Jahre zurück. Sie kommt mir wieder anschaulich beim Schreiben dieses Textes in den Sinn …

Zeit der Weimarer Republik (1918 bis 1933). Das deutsche Kaiserreich ist Geschichte. Deutschlands Staatsform ist eine Republik, eine parlamentarische Demokratie. Es ist eine Zeit des grundlegenden gesellschaftlichen Umbruchs. Das belegt unter anderem auch die Fahrt aufnehmende, ja eine Blütezeit erlebende Genossenschaftsbewegung (vor allem Bau- und Wohnungsgenossenschaften) in Deutschland. So auch im Erzgebirge, so auch in unserem Dorf. Denn: Am 14. November 1923 gründen zirka 20 Personen die Wohnungsgenossenschaft Gelenau  – vor allem und nicht zuletzt wohl mit dem Ziel, den Mitgliedern Wohnraum, ja kostengünstigen Wohnraum zu beschaffen. Noch im selben Monat wird durch die Vorstandsmitglieder der Wohnungsgenossenschaft der Name Bau- und Spargenossenschaft eGmbH beim Amtsgericht Ehrenfriedersdorf zur Eintragung gebracht. (Der Name der Wohnungsgenossenschaft wandelt sich mehrmals im Laufe ihrer Geschichte.)

Erwartungsgemäß entwickelt sich die Genossenschaft rasant. Ihre umfangreiche Bautätigkeit von Wohnhäusern oder deren Übernahme belegen das augenscheinlich. In Zahlen ausgedrückt heißt das: 1933 zählt sie bereits 121 Mitglieder bei einem Bestand von 174 Wohnungen. Ganz sicher kein unwesentlicher Beitrag, die aus vielerlei Gründen bestehende Wohnungsnot zu lindern. Auch mit Blick auf bezahlbare Mieten für Familien mit niedrigem Einkommen, so dass deren Realeinkommen offensichtlich deutlich aufgebessert werden kann. (Was allerdings, dies sei hinzugefügt, wohl nur bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise Ende 1929 / Anfang 1930, die auch Wirtschaft und Menschen im Erzgebirge nicht verschont, Bestand hat.)

Oft unterwegs mit einer kleinen, sich für die Architektur in den Erzgebirgsdörfern und -städten interessierenden Gruppe, haben wir unter diesem Aspekt auch Gelenau mehrmals erkundet (siehe auch Amtsblatt Mai 2021, S. 16 f.) – die (einstigen) Industriebauten, die repräsentativen Gesellschaftsgebäude (wie Rathaus, Volkshaus, Pfarrhaus, Schulen) und die Wohnhäuser – auch die der ortsansässigen Wohnungsgenossenschaft, die in mehreren Straßen des Dorfes stehen (unter anderen Fritz-Reuter-Straße, Kemtauer Straße). Sehenswerter funktionaler, solider, schnörkelloser Hausbau, durchaus typisch für ein Industriedorf, so bringt´s unser profunder Kenner der Architektur der Wohnungsbauten in den Erzgebirgs-Orten auf den Punkt. Als ein besonderes architektonisches Kleinod des Wohnungsbaus wird allerdings die kompakte Wohnanlage von dreizehn stattlichen Siedlungshäusern mit Grünanlagen bestaunt, ja regelrecht euphorisch bewundert, gebaut von der Wohnungsgenossenschaft in den 1930er Jahren – am Fuße des bewaldeten Kegelsberges, an der heutigen Karl-Marx-Straße gelegen. Was für eine symmetrische, feingliedrige, harmonische und einheitliche Architektur der Wohnhäuser, ein architektonisches, funktional-ästhetisches Gesamtkonzept erkennend – mit ihren verzierten, gleichmäßig gereihten Fenstern, dem hochgezogenen Giebel, dem Barock nachempfundenen Mansardwalmdach …, wahrlich eine Meisterleistung im ganzheitlichen Siedlungsbau mit sozialem Anspruch, so tönt begeistert der Chor der Architekturfreunde.

Die Geschichte der Wohnungsgenossenschaft Gelenau verläuft oft erfolgreich, oft dramatisch – in Abhängigkeit von den bekannten historischen Ereignissen. Ihre Erfolgsgeschichte setzt sich 1945 nach dem Ende der Naziherrschaft und des Zweiten Weltkrieges kontinuierlich fort. Vor allem durch eine rege Bautätigkeit, durch Instandsetzung und Modernisierung des vorhandenen Gebäudebestandes. Davon zeugen nicht zuletzt auch die fast 400 Mitlieder und der Bestand von 400 Wohnungen (Angaben der WG aus 2013).

Die Geschichte der Wohnungsgenossenschaft Gelenau endet im Juni 2016. Auf der Grundlage des Verschmelzungsvertrages vom Februar 2016 wird diese von der Wohnungsbaugenossenschaft Erzgebirge mit Sitz in Annaberg-Buchholz übernommen.

Bernd Bräuer, Gelenau

Kennen Sie diesen Gälner?

Rolf Schubert

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Möglicherweise, ja. Sie könnten ihn in unserem Erzgebirgs-Dorf getroffen und mit ihm geplaudert haben. Oder Sie sind in seinem Haus gewesen oder zumindest daran vorbeigegangen, dort, wo er einst wohnte und lebte und wo er auch als reifer Mann immer wieder zu Gast war. Falls nicht, dann sind Sie vielleicht, so Sie sich für Malerei, vor allem für Landschaftsmalerei, und für Kunstgeschichte interessieren, seinem künstlerischen Schaffen begegnet. Denn: Rolf Schubert, geboren 1932 in Gelenau und hier aufgewachsen, kann wohl zu den bedeutendsten deutschen (Landschafts-) Malern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden.

Seine Liebe zur Malerei und sein Maltalent hat der angehende Künstler offensichtlich früh erkannt; angeregt und befördert sicher durch seinen Vater, dem Malermeister. Nach einer soliden Ausbildung zum Dekorationsmaler ab 1947 kommt Schuberts Werden zum exzellenten Kunstmaler rasch voran. Vor allem durch sein Studium ab 1950 an der Fachschule für Angewandte Kunst in Leipzig, ab 1953 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und als Meisterschüler bei Otto Nagel an der Akademie der Künste in Berlin. Seinem verehrten Lehrer Otto Nagel hat Rolf Schubert übrigens durch dessen Porträt, ein Gemälde in Öl, ein sehenswertes Denkmal geschaffen, das sich im Besitz der Nationalgalerie in Berlin befindet.

Obwohl Rolf Schuberts Lebensmittelpunkt Berlin ist, Studien-Reisen ihn durch Europa, vor allem nach Italien führen, er die Sommer seit Anfang der 1970er Jahre oft auf Hiddensee und Rügen zum Malen verbringt, kehrt er doch immer wieder in sein geliebtes Erzgebirge, auch nach Gelenau, zurück. Zum Malen. Offensichtlich mit Vorliebe im Winter. Seine vielfältigen, in seinem Schaffen einen besonderen Platz einnehmenden Landschaftsbilder, die das Erzgebirge im Winter zeigen, belegen das augenscheinlich. So auch das kleine Öl-Gemälde Winteridyll im Erzgebirge, das er 1983, durchaus unter Verwendung von Motiven aus der Gelenau umhüllenden Landschaft im Winter, vollendet hat. Beim Anschauen des Gemäldes fällt der Blick wohl zuerst auf den hohen Winter-Himmel und auf die sich über die gesamte Bildbreite ausdehnenden bewaldeten blauen Berge in der Ferne, wodurch das Bild gleichsam Tiefe und Weite erhält. Idyllisch eingebettet in verschneite Wiesen und Felder sind die kleinen, ja geduckten Wohnhäuschen, die durch die drei hohen Pappeln zwar noch winziger, aber auch behüteter wirken. Das alles strahlt Stille, Ruhe, Friedfertigkeit aus. Der Mensch ist Teil der Landschaft, er lebt in ihr, mit ihr. Schubert gelingt mit diesem Bild ein ganz subjektiver, schlichter, unspektakulärer und gleichsam romantischer, ja soll man sagen im besten Sinne vor-moderner Blick nicht nur auf die Erzgebirgslandschaft im Winter, sondern auch auf die Menschen, die hier wohnen und leben.

Rolf Schubert stirbt 2013 in Hohen Neuendorf, unweit von Berlin. Seine Werke sind weit verstreut: in Museen, Galerien und Privatbesitz. Bedeutendes auch im Schloss Schlettau in der Sammlung Erzgebirgische Landschaftskunst, die der Künstler umfassend bereichert und unterstützt hat.

Vielleicht gelingt es ja zu 750 Jahre Gelenau eine Rolf-Schubert-Ausstellung, zumindest mit seinen Erzgebirgslandschaften, auf die Beine zu stellen. Ihm und uns tät´s gut!

Dänische Partnergemeinde von Gelenau seit 1995

Romantisches Skørping

(Rebild Kommune)

750 Jahre Gelenau: 1273 bis 2023

Skørping. Gelenau. Seit 25 Jahre verbindet die beiden Gemeinden eine enge Partnerschaft (siehe dazu Amtsblatt Gelenau, Februar 2021, S. 28 f.).

Die dänische Partnergemeinde des Dorfes liegt in einer malerischen Natur- und Kulturlandschaft in Nord-Jütland – unweit der prachtvollen alten Stadt Aalborg am Limfjord, im größten natürlichen und zusammenhängenden Waldgebiet Dänemarks, Rold Skov genannt, das sich über mehr als 80 Quadratkilometer ausdehnt. Eine einzigartige Wald-, Heide- und Wasser-Landschaft mit reichem Tierleben gibt es hier zu erleben und zu bestaunen. Unter anderem reicht das von uralten krummen, aus vielen Stämmen bestehenden, mit Moos bewachsenen Rold-Buchen, die sich über Jahrhunderte den hier herrschenden sandigen Lebensbedingungen angepasst haben. Über die dicht bewaldete Hügellandschaft Rebild Bakker (Naturschutzpark) mit grasenden Schafen und enorm wasserreichen Quellen mit seltenen Pflanzen und Tieren bis hin zu großen Seen mit glasklarem Wasser. Nahe bei Skørping lädt der mitten im Wald gelegene reizende Gasthof Rold Storkro zum Rasten bei einem vorzüglichen Mahl ein. Der Gast kann hier auch vorzüglich übernachten.

In der dänischen Gemeinde leben knapp 3 000 Menschen; sie gehört zur Rebild Kommune, die sich aus vielen kleinen Orten zusammensetzt. Skørping ist verkehrstechnisch gut angebunden; auf der Bahnlinie zwischen den Städten Randers (im Süden) und Aalborg (im Norden) verkehren moderne S-Bahnen. Der Bahnhof befindet sich gleich am Ortseingang; gegenüber steht das Kultur- und Touristikzentrum des Ortes. Direkt im kleinen Zentrum der Gemeinde befindet sich auch ein Hotel.

Ganz gleich aus welcher Richtung man sich Skørping nähert: Die auf einem Hügel stehende hohe weiße Kirche mit dem roten Dach ist nicht zu übersehen – ein spätromanischer Ziegelsteinbau, der über die Jahrhunderte viele bauliche Änderungen erfahren hat. Im Kirchen-Innenraum, klein und schlicht ausgestattet, in den Farben weiß und blau gehalten, dominiert eine kunstvoll in den Raum eingefügte, vom Boden bis zur Decke reichende Orgel. Ihrem warmen und mächtigen Klang zu lauschen, ist ein großartiges Erlebnis, ein Vergnügen.

Von besonderem Reiz, dies sei noch erwähnt, zeigt sich Gammel Skørping (Alt-Skørping) mit seinen alten und niedrigen Fachwerk-Häusern und der kleinen, aus dem 12. Jahrhundert stammenden Wallfahrtskirche.

Nun ja, da kann man nur sagen: Auf nach Nord-Jütland, nach Skørping! … wenn Reisen auch nach Dänemark wieder möglich sein werden …